Vom Noob zur Nuke

Als Call of Duty noch gut war — Ich & Modern Warfare 2

Call of Duty: Modern Warfare 2
© Activision
Call of Duty: Modern Warfare 2
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lindalomaniac Linda Sprenger
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Ich spielte Call of Duty: Modern Warfare 2 nicht auf dem PC oder der Xbox 360, wie es zu diesem Zeitpunkt jede bei Verstand gewesene Menschenseele empfohlen hätte, sondern auf der PS3. Und wie erwartet, ist die Geschichte von Call of Duty: Modern Warfare 2 auf der Sony-Konsole eine Komödie — jedoch mit traurigem Ausgang. Es tut mir sogar ein wenig im Herzen weh, darüber zu schreiben. Trotzdem sollt ihr sie von mir erfahren.

Der Ego-Shooter von Infinity Ward traf mich mitten in meiner Sturm-und-Drang-Zeit. Ich war grimmig, gelangweilt und voller Weltschmerz als mich ein guter Freund dazu überredete, in die überaus sonderbare Welt des Call of Duty-Multiplayers einzutauchen. Damals sah er mich wahrscheinlich nur als Sparringspartner. Dass ich es nach einiger Zeit tatsächlich schaffte, darin Fuß zu fassen, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Und eigentlich ist "darin Fuß fassen" gelogen. Ich verkam zu einer Größenwahnsinnigen, die auf Prestige 10 Level 70 einen Haufen Nichtskönner unterjochte.

Zu neuen Ufern

Doch meine ersten Flugversuche machte ich als Bartkauz in einem Käfig voller Kanarienvögel. Ego-Shooter und kompetitives Online-Spiel waren damals völliges Neuland für mich. Ich musste mich plötzlich in eine völlig neue Kultur integrieren, die mich mit ihrer ganz eigenen Sprache, ihren Umgangsformen und Marotten zunächst völlig überforderte. Dabei führte Modern Warfare 2 die exotischsten Spieler-Typen zusammen, die ihr euch nur vorstellen könnt. Diese sorgten oftmals für Frust und totale Verwirrung, lassen mich aber in der Retrospektive eher laut lachen. Camper waren noch die langweiligsten Figuren im Kabinett. Als ich das erste Mal von einem sogenannten Knife-Runner mit einem taktischen Messer und unendlich langer Sprint-Fähigkeit über den Haufen gelaufen und hinterrücks erstochen wurde, bekam ich erstmals zu spüren, dass ich in einer wahrhaftigen Freakshow gelandet war.

In der Community am unbeliebtesten waren aber Noobtuber. Diese rüsteten ihr Maschinengewehr mit dem viel zu mächtigen und daher ungesehenen Granatwerfer-Aufsatz aus und schossen auf alles, was sich bewegte. Quickscoper hingegen spalteten die Spielerschaft. Dabei handelt es sich um eine spezielle Technik mit dem Scharfschützengewehr, wobei der Gegner kurz nach dem Zoom mit dem Visier abgeschossen wird. Für die einen war es lästige Angeberei, für die anderen ein angesehener Sport, der vielerlei Scharfschützen dazu veranlasste, entgegen ihrer Rollenbeschreibung wie Irre übers Feld zu rennen.

Ich selbst zog meistens mit einem ACR-Maschinengewehr oder der Intervention los und bemühte mich, so einfallslos zu spielen wie ich nur konnte. Auch ich wollte meine Kill-Serie in die Höhe schrauben, wollte ganz oben in der Rangliste stehen. Irgendwann als ich eingeübt war, arbeitete ich sogar auf die 25 Abschüsse in Folge für eine Nuke hin, die allerletzte Abschussbelohnung, die den Zünder zum sofortigen Sieger erklärte. Die Sonderlinge, die sich Erfolg mit unfairen, lächerlichen Vorteilen erschlichen, nervten mich damals zutiefst. Umso sturer hielt ich an meinem Plan fest, ihnen auf herkömmliche Art und Weise den Hintern zu versohlen. Ich stellte mich gegen ein System voller unaufrichtiger, pubertierender Egoisten, plusterte mich aber selbst auf wie ein Gockel, indem ich mich mit meiner Kill/Death-Quote rühmte und mich als Rächerin des rechtmäßigen Multiplayer-Spiels sah.

... und was kam danach?

Der Nachfolger Call of Duty: Black Ops ruderte wieder ein ganzes Stück im Zeitstrahl zurück und brüstete sich mit dem rauen Dschungel eines knallhart inszenierten Vietnam-Settings. Nicht Infinity Ward war das verantwortliche Entwicklertudio sondern Treyarch, die im November 2010 einen Großteil der Modern Warfare 2-Spieler mit Black Ops zu einem großen Exodus anstifteten.

Auch ich war nach über 200 Spielstunden im Mehrspieler-Modus bereit, die Segel zu hissen, mich auf ein ganz anderes Multiplayer-Feeling einzulassen und neuen Herausforderungen gegenüberzustehen (Ja, und vielleicht hatte ich auch ein bisschen die Schnauze voll von Modern Warfare 2). Seinerzeit freute ich mich so gierig auf den Black Ops wie auf eine von Fett triefende Lieferdienst-Pizza nach einem auslaugenden Arbeitstag. Leider war Black Ops eine Enttäuschung.

Enfield, Famas, Dragunov und Co. fühlten sich eher so an wie die Plastik-Pistolen, mit denen ich meine Freunde früher über den Schulhof jagte; Das neue Waffen-Kauf-System bot keinerlei Motivation zum Aufleveln, die neuen Abschussbelohnungen waren öde, auf den unübersichtlichen Maps verlief ich mich. Black Ops und ich, wir waren nicht auf der gleichen Wellenlänge. Nachdem ich nach circa zehn Spielstunden durch den Multiplayer respawnte, schoss ich den Vietnam-Shooter in den Wind und kehrte doch wieder zurück zu meiner alten Liebe. Ein ganzes Jahr und weitere 200 Spielstunden sollte ich ihr treu bleiben.

Lügen, stehlen und betrügen

Weil mir Black Ops so stark vor den Kopf stieß, kettete ich mich selbst umso fester an den Infinity Ward-Shooter fest — und zwar so kräftig, dass mir die Luft innerhalb dieses Jahres nicht etwa langsam ausging, sondern in einem wütenden Aufschrei entwich: Irgendwann fand ich mich in einer Lobby wieder, die mich bereits einige Sekunden nach Spielbeginn hatte stutzig werden lassen. Seltsame Symbole in grellen Farben verkleideten den Kill-Feed am unteren linken Bildschirmrand, der normalerweise in rot und grün anzeigte, wer wen gerade über den Jordan geschickt hatte. Schon zu diesem Zeitpunkt hätte ich das Spiel verlassen müssen, doch ich blieb.

Sehr bald traf ich auf einen Sniper-Schützen, den ich von hinten mit meiner UMP45 überraschen wollte. Ich schoss eine Salve, die zweite, die dritte. Nichts geschah. Der Typ war scheinbar unbesiegbar. Er drehte sich um, musterte mich kurz und schoss mich mit einem viel zu gut gezielten No Scope (ein Schuss mit dem Scharfschützengewehr, ohne mit dem Visier zu zielen) zu Boden, woraufhin ich brüllend das Spiel verließ. Ich kann nicht sagen, wann genau es war, aber es gab einen Tag X, an dem jemand herausgefunden hat, die PS3-Version von Modern Warfare 2 zu hacken.

Die infamen Codes, die man sich nur auf einen USB-Stick ziehen und auf die Konsole spielen musste, verbreiteten sich wie ein Lauffeuer durchs Internet. Was fortan in die Maps des Spiels einmarschierte, waren von Autoaim und Wallhack aufgepumpte Betrüger, die zunehmend jedes Match verseuchten. Nach wenigen Wochen wurde Modern Warfare 2 unspielbar. Irgendwann wollte ich mich dem nicht mehr beugen und hörte auf. Bis heute rührte ich nie wieder ein Call of Duty-Spiel an.

Nach dem Untergang

Was einst so bunt blühte, ist nunmehr ein ödes Land, voller Schummler und Verbindungsfehler. Auch wenn das unten eingebettete Video bereits letztes Jahr aufgenommen wurde, gibt es dennoch einen guten Eindruck von dem, was noch von Modern Warfare 2 übrig ist.

Ich setze keinen Fuß mehr auf Favela, Highrise, Wasteland und alle anderen Maps, weil ich es nicht ertragen kann. Call of Duty: Modern Warfare 2 ist Geschichte, vorbei, abgehakt. Ja es stimmt, das tragische Ende dieses Spiels betrübt mich, aber im Großen und Ganzen bin ich froh. Andere waren für das Verderben verantwortlich, es kam nicht aus mir selbst heraus.

Ich war nie ermüdet vom Online-Multiplayer, nicht von den den Team Deathmatches, nicht von den Karten, nicht von den Waffen. Das, was mich aus dem Ego-Shooter herausriss, war keinesfalls meine eigene Unlust, sondern eine niederträchtige, erbärmliche, infame Kraft von außen. Das, was in mir verblieb, sind die schönen Erinnerungen an den Spaß, den ich als Größenwahnsinnige zwischen all den Noobtubern, Juggernauts und Quickscopern hatte.

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