Darf Battalion 1944 überhaupt in Deutschland erscheinen?

Battalion 1944 benötigt einige Anpassungen
© Bulkhead Interactive
Battalion 1944 benötigt einige Anpassungen
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freakingmuse Rae Grimm
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Ich mache Dinge mit Worten und Videospielen und brauche dafür sehr viel Kaffee.

Seit ein paar Tagen erobert Battalion 1944 Spieler auf auf der ganzen Welt im Sturm, die sich schon seit Langem wieder einen Weltkriegs-Shooter wünschen, der sich von all den SciFi-Schießereien der letzten Jahre abhebt. Mit ihrem durch Call of Duty 2 inspirierten Titel haben die Entwickler des kleinen Studios Bulkhead Interactive einen Nerv getroffen: Das Kickstarter-Ziel wurde nicht nur erreicht, sondern schon längst überschritten. Ein Grund zu feiern, sowohl für Bulkhead Interactive als auch für Spieler. Allerdings gibt es da ein Problem: Battalion 1944 darf in Deutschland nicht erscheinen.

Das Problem mit der Symbolik

Zumindest nicht in der Fassung, die uns das Entwicklerstudio momentan präsentiert. Wer einen genauen Blick auf den Kickstarter-Trailer wirft, der sieht sofort den Grund. Da es sich um einen im Zweiten Weltkrieg angesiedelten Shooter handelt, finden sich dort jede Menge Hakenkreuze – ein nationalsozialistisches Kennzeichen, dessen Verwendung bekanntlich verfassungswidrig ist.

Zwar besagt die sogenannte Sozialadäquanzklausel, dass das Symbol dargestellt werden darf, sofern dies im Kontext der Förderung von Kunst und Wissenschaft oder der politischen Aufklärung im Sinne der Verfassung dient, allerdings trifft das nicht auf Videospiele wie Battalion 1944 zu. Warum zum Beispiel Filme etwas dürfen, Videospiele aber nicht, habe ich bereits vor einiger Zeit erklärt und ihr könnt es in aller Ausführlichkeit dort nachlesen.

Ob man es nun für fair hält oder nicht, Fakt ist, dass Battalion 1944 in Deutschland nicht erscheinen darf, solange Bulkhead Interactive nicht die Hakenkreuze aus dem Spiel entfernt. Das klingt im ersten Moment leichter als es letztendlich ist, denn viele Faktoren könnten das erschweren.

Unwissenheit kostet

Bulkhead Interactive ist ein noch sehr junges und kleines Studio aus Derby, UK, das sich der Problematik bis vor Kurzem gar nicht bewusst war. Das bestätigte mir Joe Brammer, Producer bei Bulkhead Interactive, auf Anfrage via E-Mail. Allerdings bestätigte er auch, dass sie das Spiel auf jeden Fall in Deutschland veröffentlichen wollen. Aber obwohl die Unkenntnis nun der Vergangenheit angehört, gibt es noch einige andere Probleme, denen sich die Entwickler stellen müssen, bevor das tatsächlich geschehen kann.

Ein entscheidender Faktor könnte die Größe des Indie-Studios sein und den einhergehenden knappen Ressourcen. Da Battalion 1944 via Kickstarter verwirklicht wird, dürften sich die finanziellen Mittel des Studios in Grenzen halten. Das macht es schwierig, zusätzliche Kapazitäten in die Lokalisierung und Anpassung des Spiels für ein einziges Land zu stecken – vor allem ohne zu wissen, ob es sich überhaupt lohnen würde. Nur weil das erste Interesse an Battalion 1944 groß ist, heißt das schließlich nicht, dass sich das bis zum voraussichtlichen Release im Mai 2017 nicht ändern könnte.

Bulkhead Interactive selbst würde das Spiel gerne in Deutschland veröffentlichen, ob sie das finanziell allerdings können, steht auf einem anderen Blatt. Auf Kickstarter haben sie sowohl aufgeschlüsselt, wohin welcher Anteil der Einnahmen fließen soll, als auch erklärt, dass sie die Hälfte der benötigten Entwicklungskosten aus eigener Tasche tragen werden. Welche Kosten nun aber auf sie zukommen und wie sie getragen werden sollen, ist noch nicht bekannt. Zuvor muss erst einmal die Frage geklärt werden, was nun eigentlich alles geändert werden muss.

Battalion 1944 ist nicht mehr Battalion 1944

Einfach nur die verfassungswidrige Symbolik aus dem Spiel zu streichen, reicht nicht aus, um Battalion 1944 für den deutschen Markt aufzubereiten. Ansonsten könnte das Spiel trotzdem an der Zielgeraden zum Release in Deutschland straucheln und auf den Index landen. Selbst wenn kein Hakenkreuz zu sehen ist, so ist dennoch von Nazis die Rede, Flaggen zeigen eindeutig, um welche Auseinandersetzung es sich handelt, Soldaten werden sich über den Kampf unterhalten. Der Grund, warum Battalion 1944 innerhalb weniger Tage ein Sturmfeuer der Begeisterung entfachen konnte, ist eben jener Kontext, der ihm in Deutschland zum Verhängnis wird: Es ist ein Weltkriegs-Shooter, der während des Zweiten Weltkrieges spielt.

Was passiert aber, wenn diese Elemente aus dem Spiel entfernt werden? Wenn plötzlich der geschichtliche Kontext fehlt und der Krieg nicht der Zweite Weltkrieg, sondern irgendeine historische Auseinandersetzung ist? Ist Battalion 1944 dann noch Battalion 1944? Würde es noch Sinn ergeben, das Spiel überhaupt so zu nennen? Müsste nicht eigentlich ein ganz anders Spiel entwickelt werden, mit einem komplett anderen Hintergrund? Und wenn das alles geschehen ist, hat Battalion 1944 dann noch immer denselben Reiz, den es momentan auf viele hat? Haben die Entwickler die Zeit und die Ressourcen eingerechnet, die dafür sorgen, dass das "deutsche Battalion 1944" nicht ein halbherziger Abklatsch des eigentlichen Spiels wird?

Ein aktuelles Beispiel, das sich mit ähnlichen Fragen herumschlagen musste, ist Wolfenstein: The New Order von MachineGames. Sie mussten ebenfalls die Erblast des zuvor indizierten Franchises loswerden, indem sie eine Fassung nur für Deutschland entwickelten. Hier kämpften wir nicht gegen Nazis, sondern gegen das Regime. Gegenüber Bulkhead Interactive hatten MachineGames den entscheidenden Vorteil, nicht nur mit Bethesda einen großen Publisher im Rücken zu haben, der für ausreichend finanzielle Mittel sorgte, sondern auch, dass sie mit einem alternativen Verlauf der Geschichte spielen konnten.

The New Order handelt nicht während, sondern viele Jahre nach dem Krieg, in dem das Regime den Sieg davontrug. Das Entwicklerstudio hatte somit eine kreative Freiheit, die den Machern von Battalion 1944 verwährt bleibt. Die setzen auf Realismus und genau der könnte dem Projekt letztlich das Genick brechen.

Viele Fragen, wenige Antworten

Was mit einem Symbol in einem Spiel begann, wird zu einem Gedankenspiel, das unzählige Fragen aufwirft, die Bulkhead Interactive nicht nur uns, sondern in erster Linie sich selbst beantworten muss.

Momentan wissen wir nicht, wie tief der Kampf gegen Nazi-Soldaten in das Herz des Weltkriegs-Shooters verankert ist und wie stark er bluten würde, wenn man in seine Handlungen einschneiden würde, um diese Elemente zu entfernen. Thematik und Setting sind nicht nur für das Spiel und deren Entwickler wichtig, auch die Spieler haben eine Erwartungshaltung. Theoretisch müssten deutsche Kickstarter-Backer im Mai 2017 ein anderes Spiel bekommen als internationale Unterstützer – und das dürfte den wenigsten gefallen.

In welcher Form Battalion 1944 letztendlich seinen Weg nach Deutschland findet, bleibt abzuwarten. Fest steht nur, dass es nicht die sein wird, die es geschafft hat, für solche Begeisterung zu sorgen. Und das allein ist bereits ein Verlust.

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