Erste Eindrücke aus der Test-Version

Das Aufleben alter RPG-Tugenden in Pillars of Eternity

Ein Artwork zu Pillars of Eternity
© Obsidian Entertainment
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Star Wars: Knights of the Old Republic 2, Neverwinter Nights 2, Fallout: New Vegas – das Portfolio von Obsidian Entertainment umfasst namenhafte Rollenspiele. Trotzdem blieb der große Durchbruch, der dem Team einen mit BioWare vergleichbaren Ruf hätte bescheren können, bisher aus. Oftmals gingen ihre großen Ambitionen in einem Sog aus Zeitdruck und fehlendem Geld unter.

Mit dem Kickstarter-Erfolg Pillars of Eternity haben sie nun die Chance, ihr Potential voll auszuspielen. Entsprechend hoch fallen nicht nur die Ansprüche der Rollenspielgemeinde aus, die wohl auf nicht weniger als einen geistigen Nachfolger der Baldur's Gate-Reihe hofft. Auch Obsidian selbst legt die Messlatte hoch. Game Director Josh Sawyer formuliert das Ziel des Spiels:

Pillars of Eternity soll den Geist der Infinity-Engine-Spiele einfangen: Die Erforschung und Freiheiten von Baldur's Gate, die taktischen Kämpfe von Icewind Dale und die ernsten Themen sowie die (auf den Spieler) reagierenden Storyelemente von Planescape: Torment.

Gemessen an meinen bisherigen Eindrücken (rund 15 Stunden) scheint ihnen dieses Unterfangen zu glücken. Quests wie Gespräche warten mit unterschiedlichen Lösungswegen beziehungsweise Verläufen auf. Das Kampfsystem gestaltet sich angenehm taktisch, ohne mich mit einer mechanisch überladenen Umsetzung eines D&D-Regelwerks zu überfordern. Und in Sachen Tiefe (wie Textmenge) steht es Planescape: Torment in nichts nach, wobei das Szenario von Pillars of Eternity um einiges geerdeter erscheint.

Kurzum: Wer sich nach Baldures Gate 3 sehnt, dürfte in diesem RPG für Wochen versinken. Was mich allerdings mehr als der Umstand, dass die Entwickler nahtlos an Rollenspiele der alten Schule anknüpfen, fasziniert, ist, mit welcher Konsequenz sie deren Tugenden wiederaufleben lassen.

Eine Frage des Charakters

Moderne Genrevertreter versuchen oft, die Identifikation mit meiner Spielfigur zu stärken, indem sich mich deren Aussehen mit möglichst vielen Schiebereglern nach meinen Vorstellungen formen lassen. Pillars of Eternity erzeugt dieses Gefühl auf eine subtilere, aber langfristig wirkungsvollere Weise, da sich der Charaktereditor auf das Wesen meines Helden konzentriert.

Neben Standardpunkten wie dem Geschlecht oder der Rasse lege ich Eigenheiten wie die Herkunft sowie die kulturellen Hintergründe fest. Über eingeblendete Textfenster informiert mich das Spiel darüber, was mein Auswahl innerhalb der Welt bedeutet. Es kostet mich etwas Überwindung, mich schon so intensiv mit der Lore auseinanderzusetzen, bevor ich auch nur meinen ersten Schritt getan habe. Dieser Einsatz wird sich allerdings kurze Zeit später bereits auszahlen.

Denn meine Angaben versauern nicht als Randnotiz auf irgendeinem Charakterbogen. Kurz nach dem Einstieg fragt mich meine Begleiterin nach meinen Beweggründen und bezieht sich dabei auf die von mir definierten Merkmale. In meiner Position als Adliger wähle ich nun aus den folgenden Antworten:

  • 1. Unser Familienvermögen wird im Geheimen verprasst. Ich muss es wieder aufbauen, wo man mich nicht erkennt.
  • 2. Meine Familie betrachtet mich als Peinlichkeit und möchte nichts mit mir zu tun haben.
  • 3. Ich schäme mich wegen meiner Familie und würde gerne woanders sein.
  • 4. Das geht dich nichts an.

Das mag auf den ersten Blick banal wirken, doch in Kombination mit den zuvor gewonnen Informationen schaffe ich es, eine Grundmotivation für mein Handeln herauszuarbeiten, deren Konturen ich mit voranschreitender Spieldauer weiter schärfe. Auch, weil sich Pillars of Eternity bemüht, meine Charakterwerte stets ins Geschehen einfließen zu lassen.

So verbessert das Attribut Wahrnehmung nicht nur meine Reflexe im Gefecht, sondern hilft mir in Gesprächen, mein Gegenüber genau zu mustern, um etwa eine Lüge aufzudecken. Konkret spiegelt sich dies in Situationen wie vor der Kneipe des Dorfes Goldtal wider, wo ein Streit zwischen drei Betrunkenen und einem Elfen zu eskalieren droht. Als ich eingreife, reagieren die Menschen aufgrund meiner Herkunft abweisend auf mich. Um den Konflikt zu schlichten, bringe ich einen besonders gewitzten Einwand vor. Wäre mein Charakter nicht schlau, hätte das Aufeinandertreffen wohl einen blutigen Ausgang genommen. Dank solcher Momente bietet mir Pillars of Eternity abseits meiner Questentscheidungen eine zusätzliche Ebene, um mich in die Rolle meiner Figur einzufühlen.

Lesen ist Gold

Diese Szene steht auch exemplarisch für das, was Obsidian mit Pillars of Eternity zelebriert: Die Kraft des geschriebenen Worts. Aus jeder Zeile quillt die Kompetenz der Autoren und die Erfahrung, die bei einigen Mitarbeitern bis zu den Black Isle Studios (Fallout 2) zurückreicht.

Selbst vermeintliche Schwächen wie die spärliche Inszenierung spielen dieser Stärke in die Hände. Unterhaltungen beispielsweise filmt Pillars of Eternity ohne großen Aufwand aus der isometrischen Perspektive ab, liefert zum Ausgleich aber derart pointierte Beschreibungen, dass jede dramatisch geschnittene Zwischensequenz vergebene Liebesmühe wäre. Einen der eben erwähnten Trunkenbolde umreißt das RPG so knapp wie treffend:

Seine Augen sind rot vom Alkohol, aber sein Blick ist fixiert.

Die (nur teils vertonten) Texte sind darüber hinaus nicht nur grandios geschrieben, sondern in einem leicht altertümlichen Sprachstil gehalten, der die Stimmung von Pillars of Eternity gekonnt einfängt:

Die Atmosphäre ist heiter, wenn auch maßvoll, und die Elemente haben ihren Rüstungen noch nicht zugesetzt dieser Feldzug ist frisch, jung und voller Eifer. An ihrer Spitze steht ein Befehlshaber, in voller Rüstung etwas plump wirkend, aber doch entschlossenen Schrittes.

Pillars of Eternity zu spielen, ist, als würde ich mir vornehmen, einen riesigen Fantasyroman zu lesen. Zuerst schreckt mich seine schiere Größe ab, doch sobald ich mit dem Buch beginne, möchte ich es nicht mehr aus der Hand legen.

Pillars of Eternity ist hierzulande seit dem 26. März für PC im Handel erhältlich – sowohl in digitaler Form wie auch als Retail-Fassung. Die Box umfasst den Soundtrack als Download, ein Wendeposter sowie ein gedrucktes Handbuch mit über 70 Seiten. Die Standard-Version kostet zwischen 40 und 50 Euro. Für diesen Artikel erhielten wir vom Publisher Paradox Interactive eine Review-Steam-Key von Pillars of Eternity.

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