Ein Franchise an seinen Grenzen

Der Tanz mit den Toten im Test zu Assassin's Creed: Syndicate

Assassin's Creed: Syndicate
© Ubisoft
Assassin's Creed: Syndicate
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Ich weiß doch auch nicht.
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Die Diskussion um Assasssin's Creed wird seit Jahren von zwei Lagern aus geführt: Während die einen rufen, dass die Abenteuer des Meuchelmörders in eine langweilige Routine ohne jegliche Innovation verfallen sind, freuen sich die anderen über die abwechslungsreichen Schauplätze, die uns in den vergangenen acht Jahren quer durch Europa und Amerika geführt haben.

Mit Assassin's Creed: Syndicate und der Reise nach London verhärten sich auch dieses Jahr erneut die Fronten: Aber ist Assassin's Creed, eines der bekanntesten Videospiel-Franchises, wirklich tot? Nachdem ich viel Zeit mit dem Spiel verbracht und das Ende gesehen habe, muss ich diese Frage leider bejahen.

Am Ende dieser Review konnte ich einen oberflächlichen Spoiler des Finales nicht vermeiden.

Vorbestellungen: Die Macht der Hoffnung

Kurz vor Release am 23.10.2015 schob sich Syndicate unter die am häufigsten vorbestellten Videospiele auf Amazon. Trailer um Trailer wurden die Sorgen der Fans beiseite geschoben, die sich noch lebhaft an den desaströsen Start von Assassin's Creed Unity erinnerten. Mit dem erneuten Tapetenwechsel des Schauplatzes scheinen viele Spieler neue Hoffnung gehegt zu haben und so legten sich schließlich doch überdurchschnittlich viele Käufer das Spiel in den Warenkorb.

Und auf den ersten, zweiten und vielleicht sogar dritten Blick scheint sich diese Hoffnung auch ausgezahlt zu haben: Das Spielgefühl ist zwar identisch geblieben und fühlt sich noch immer nach dem Abhaken einer gigantischen, virtuellen To Do-Liste an — doch allem voran das Geschwisterpaar Jacob und Evie Frye sorgen für einen unerwartet frischen Wind. Die beiden Protagonisten erweisen sich als interessante Charaktere, die unterschiedliche Ansätze verfolgen, London aus dem Griff der Templer zu befreien. Dadurch entstehen Reibungen, die sich sowohl in den vielen Zwischensequenzen, allerdings auch durch die verfügbaren Missionen äußern: Über einen Großteil des Spiels hinweg verfolgen beide Charaktere unterschiedliche Quest-Reihen und finden erst am Ende des Abenteuers zusammen.

Auch das Stadtbild darf ein wenig frische Luft atmen: Während der Spielplatz London in alter Serientradition historisch plausibel in das 19. Jahrhundert getunkt wurde, fällt vor allem die Bevölkerung selbst positiv auf. In den überall präsenten Gangs und Banden schlagen sich ebenso Frauen wie Männer gleichberechtigt die Schädel ein, unser wichtigster Berater Henry Green stammt aus Indien und zu keinem Zeitpunkt wird Evie Frye belästigt oder sexuell angegriffen — wie wir es eigentlich bei einem Spiel dieser Größenordnung erwarten müssten.

Ubisoft beweist besonders hier ein geschicktes Händchen, an den richtigen Stellen ihre künstlerische Freiheit zu nutzen, um plumpe Klischees oder das Ausschließen der weiblichen Zielgruppe zu umgehen. Das macht Assassin's Creed: Syndicate nicht nur angesichts des Release-Datums sondern auch inhaltlich zum modernsten Spiel der Serie.

Der Wendepunkt und die bittere Erkenntnis

Mein guter Eindruck vom Spiel trübte sich allerdings, je näher ich dem Spielende kam. Mittlerweile hatte sich eine interessante Anspannung zwischen den beiden so unterschiedlichen Geschwistern entwickelt und ich hegte die leise Hoffnung, dass dieser Konflikt eine Rolle im Finale spielen sollte. Auf der einen Seite Evie, die die Jagd nach den Templer-Artefakten in der Stadt fast abgeschlossen hatte — auf der anderen Seite Jacob, der in der Zwischenzeit eine stattliche Gang aufgebaut und auf sich eingeschworen hat.

Doch zu diesem Showdown kam es nicht — und mit einem fast hörbaren Schnarchen verfiel Assassin's Creed: Syndicate wieder in die alten, ausgetretenen Pfade seiner Vorgänger: Bösewicht X wird zum Kampf gestellt, aber oho, ein magischer Gegenstand macht ihn zum Superbösewicht! Jetzt müssen sich die Geschwister aber zusammenraufen und gemeinsam den Superbösewicht besiegen, damit die Welt und London gerettet wird!

Dramaturgie, wie wir sie vom deutschen Vorabendfernsehen kennen. Dramaturgie, wie sie Assassin's Creed über die Jahre geprägt hat und von der sich auch Syndicate schlussendlich nicht befreien kann. Durch die vielen tapferen und richtigen Schritte, die das Spiel in den unzähligen Spielstunden davor gegangen ist, fühlt sich dieser Fall allerdings viel zu hart an, um es als "ist halt Assassin's Creed" abzutun. Dieses Jahr ist es mehr als nur ein uninspiriertes Ende: Syndicate tritt den Beweis an, dass die acht Jahre alten Regeln des Franchises der eigenen Weiterentwicklung im Weg stehen. Mehrere Dutzend Stunden Assassin's Creed zu spielen, fühlte sich nicht wie ein innovativer Ausflug nach London oder ein wohlig-bekannter Besuch in einem alten Franchise an — stattdessen war es ein Tanz mit den Toten.

Fazit

Etwas muss Assassin's Creed: Syndicate zugutegehalten werden: Es ist der spielbare Versuch, ein acht Jahre altes Franchise mit modernen Ideen und Inhalten zu kombinieren. Dieses Experiment spielt sich über lange Strecken wie eine unterhaltsame, aber unaufgeregte To Do-Liste, die vor allem durch die beiden interessanten Hauptcharaktere getragen wird. Schlussendlich allerdings scheitert das Projekt Syndicate an seinen eigenen Franchise-Regeln und legt uns nahe, endlich Abschied vom Franchise zu nehmen.

Assassin's Creed: Syndicate ist ein ambitionierter Versuch, der schließlich scheitert: Ein Tanz mit den Toten.
  • Diversität der Bevölkerung und Charaktere
  • Stärkung der weiblichen Rollen
  • Viel Architektur zum Herumklettern
  • Überflüssige Ausflüge in Abstergo-Parallelgeschichte
  • To Do-Listen überall
  • Katastrophales Finale

Dieses Review wurde mit einer privat gekauften PS4-Version erstellt.

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Ich weiß doch auch nicht.

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