New Order war nur der Anfang

Ein echtes B-Movie im Test zu Wolfenstein: The Old Blood

Wolfenstein ist zurück!
© Bethesda
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moviepilot Team
R3nDom Dom Schott
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Ich weiß doch auch nicht.
Wolfenstein: The Old Blood - Verpasse keine News!
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Dieses Review spricht unvermeidlich über einige Story-Twists. Sorry!

Das Comeback der einst indizierten Untergrundmarke Wolfenstein vor einem Jahr war keine Selbstverständlichkeit: Wolfenstein: The New Order musste sich gegen eine Genre-Konkurrenz durchsetzen, die von Battlefield- oder Call of Duty-Giganten beherrscht wurde. Der Markt galt als überfüllt, die Community wirkte übersättigt und trotzdem schaffte Bethesda den kommerziellen Erfolg und die Wiederbelebung eines Shooters, dessen Namen bereits über 20 Jahre alt ist.

Stilsichere Geschichtsmanipulation

The New Order wurde als Einzelspielererlebnis konzipiert, das sich dem spannenden "Was wäre wenn"-Gedankenspiel widmet: Was wäre geschehen, wenn die Nazis damals den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? Wie würde unsere Welt heute aussehen? Ihre Vision untermalten die Entwickler liebevoll mit allen Farben, um ihre Fiktion möglichst lebensecht wirken zu lassen: Überall hängen Plakate des Regimes, die auf die uns bekannte Popkultur der Nachkriegszeit anspielen, aber ihnen einen teutonischen Einschlag verpassen: Eine Band, deren Frisuren und Kleidung sehr an die Beatles erinnert, stellt sich kurzerhand unter dem Namen "Die Käfer" vor, während eine schleppend nostalgische Stimme "Es steht ein Haus in Neu-Berlin" singt und dazu im Takt des Animals-Hits "House of the Rising Sun" wippt. Es ist eine Welt, die atmet und in sich geschlossen wirkt und damit genügend Anreiz bietet, erkundet und gespielt zu werden und in regelmäßigen Abständen den Ort des Geschehen ändert.

Das Prequel Wolfenstein: The Old Blood macht in dieser Hinsicht einige Dinge anders als das erfolgreiche Hauptspiel: In geheimer Mission und an der Seite eures Freundes Weasley schleicht ihr euch in das berühmte Schloss Wolfenstein, um von der Generälin Helga ein wichtiges Dokument zu klauen, das den noch immer verbissen kämpfenden Amerikanern den Standort der Geheimbasis von General Totenkopf verraten soll: Ein wichtiger Schauplatz, den wir anschließend in New Order erkunden werden.

Als sich Blazkowizc der deutschen Wache am Eingang des Schlosses als "Franz aus äh... Frankfurt" vorstellte und dabei genervt ausatmete, beschlich mich erstmals das Gefühl, ein spielbares B-Movie mit sympathischem Trashfaktor vor mir zu haben, statt im Überlebenskampf gegen das Regime zu schwitzen. Ja, die Stimmung wurde mit ähnlicher Sorgfalt und Liebe zum Detail kreiert, die bereits New Order ausgezeichnet hat: Überall entdecke ich Poster, Plakate, Zeitschriften und kleine Notizen, die vom Alltag des deutschen Soldaten und seinen Vorbildern oder Hoffnungen erzählen.

Die Geschichte hingegen überraschte mich: Ein Supersoldat, der durch ein riesiges Schloss klettert, durch eine archäologische Sammlung stolpert und schließlich in einen Zweikampf mit einem 2m-Hünen namens "Rüdiger" verwickelt wird? Es mag an meinem Filmgeschmack liegen, aber ich fühlte mich mehr als einmal an Indiana Jones und der letzte Kreuzzug erinnert, in dem der Archäologe auf der Suche nach seinem Vater ebenfalls durch ein von Nazis bevölkertes Schloss klettert, immer wieder lockere Sprüche zwischen den Lippen hervorpresst und sich von Katakomben zu Katakomben hangelt.

Trash, der Spaß macht

The Old Blood machte bis zu diesem Zeitpunkt wirklich Spaß. Ich hatte mich darauf eingestellt, bis zu den Credits das riesige Schloss zu erkunden und irgendwo hier auch die begehrten Dokumente zu finden. Ich hatte das Gefühl, alles gesehen zu haben und ließ mich von einem rasanten Schussgefecht in die nächste Schleichpassage und wieder zurück treiben.

Doch die Überraschung folgte nach etwa sechs Stunden: Der Schriftzug "Kapitel 2" flammte auf dem Bildschirm auf, kurz nachdem ich das Schloss hinter mir gelassen hatte und tunkte mich kopfüber in die zweite Spielhälfte, die mich von Minute zu Minute immer mehr überraschte. Nach einem verheerenden Erdbeben, das bis in das benachbarte Dorf hallte, in dem ich mich mittlerweile aufhielt, verwandelten sich die Soldaten der Deutschen plötzlich in Zombies. Der Himmel färbte sich blutrot und ich fand mich zwei Maschinengewehre schwingend auf Dorfplätzen und in riesigen Scheunen wieder. Gekrönt wird diese absolute Umkehr des Indiana Jones-Feelings des ersten Teils in den Zombie-Trash durch einen Kampf gegen eine übergroße Mumie, die einst von einem deutschen Kaiser unter die Erde verbannt wurde. Großartig.

Wolfenstein: The Old Blood spannt über die Dauer von rund zehn Stunden einen gigantischen Bogen: Was als Abenteuer mit Nazis, Wehrgängen und Schloßtürmen begann, endete in einem inszenatorisch bombastischen Endzeitszenario, in dem blutiges Chaos, viel Wahnsinn und eine besonders große Portion Charme das Geschehen beherrscht. Bethesda begang nicht den Fehler, das Sequel in starker Anlehnung an das Hauptspiel zu konzipieren, sondern wagte etwas neues: Eine Strategie, die sich bereits vor einem Jahr ausgezahlt hatte. Bravo!

Wolfenstein: The Old Blood ist der beste Trash-Film, den ich seit langem spielen durfte.
  • Glaubwürdige Welt
  • Flüssiges Gameplay
  • Abwechslungsreich
  • Leveldesign zuweilen verwirrend

Dieses Review wurde dank eines PS4-Keys erstellt, den uns der Publisher zugeschickt hat.

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Ich weiß doch auch nicht.

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