Dasselbe in grün

Falsches Recycling im Test zu Assassin's Creed Rogue

Dieses Mal spielen wir die andere Seite
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moviepilot Team
Radegast Hannes Rossow
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Ich bin ein professioneller Motocross-Champion mit Abschlüssen in Kunstgeschichte und Paläontologie, der Picasso/Dinosaurier-relevante Kriminalfälle in seiner Freizeit aufklärt.

Die Tatsache, dass Ubisoft noch heute zu den größten Publishern in der Industrie gehört, verdankt der französische Konzern in erster Linie einem bestimmten Franchise. Ohne den Erfolg der Assassin's Creed-Reihe wären wohl auch die anderen beiden großen Standbeine des Publishers, Far Cry und neuerdings Watch Dogs, entweder gar nicht erst existent oder zumindest bedeutend weniger profitabel. Das liegt auch an der großzügigen Tauschpolitik der drei Spielereihen.

Obwohl sie unterschiedliche Genre bedienen, werden nicht wenige Spielelemente zwischen den Entwicklern herumgereicht und als sichere Bank in das eigene Spiel eingepflegt. Egal ob es um Aussichtstürme, Jagdsequenzen oder hoch ansteckendes Sammelfieber geht, Ubisoft verfolgt einen klaren spielmechanischen Stil.

Das ist im Grunde keine schlechte Eigenschaft, Alleinstellungsmerkmale sind ebenso wichtig wie der aufgeklärte Blick auf die Konkurrenz. Assassin‘s Creed profitiert aber nicht nur von der Kultivierung der eigenen Spielidee, sondern zeigt in den letzten Jahren auch deutliche Spuren einer Ermüdung, die nicht zuletzt an der hohen Frequenz liegt, in der die Assassinen-Abenteuer auf den Markt gebracht werden. Nun warten mit Assassin's Creed Rogue und dem ambitioniertem Assassin's Creed Unity sogar zwei größere Ableger der Reihe auf einmal, nur ein Jahr nach dem Cross Gen-Ausflug von Black Flag. Welchen Spielgehalt können wir bei diesem Tempo überhaupt erwarten?


Anders als Unity ist Rogue dank dem Fokus auf die letzte Konsolengeneration keinen allzu großen technischen Zwängen unterworfen, niemand erwartet eine grafische Revolution, sondern allein handwerkliche Sauberkeit. Diesen Vorteil weiß Rogue zu nutzen und wird definitiv nicht als fehlerbehaftetes Debakel in Erinnerung bleiben, so wie es derzeit dem Current Gen-Ableger Unity droht. Nur leider gibt es auch sonst keine Aspekte, die Rogue einen Platz im Langzeitgedächtnis sichern. Selbst für eine Reihe, die dafür bekannt ist, sich selbst zu zitieren, wirkt Rogue konservativ und innovationsscheu. Tatsächlich wirkt der Titel sogar wie die uncharmante Reprise von Black Flag.

Dabei klingt das größte Verkaufsargument des Spiels sogar äußerst interessant. Endlich dürfen wir die Seiten wechseln und das Assassin‘s Creed-Universum aus der Sicht der Templer betrachten. Die Rückkehr zur Nordamerika-Subreihe hätte einen frischen narrativen Einschlag bringen können, auch wenn es in Assassin's Creed III bereits eine gewisse Ambivalenz zwischen den verfeindeten Lagern zu spüren gab. Doch das Bäumchen-wechsele-dich-Abenteuer von Shay Cormac ist alles anderes als interessant präsentiert, sondern leidet an dem Vertrauen, dass der Frontenwechsel allein schon für Spannung sorgt. Shay bleibt blass und seine Motivation, die eigene Bruderschaft zu verraten und sich auf die Seite der verhassten Feinde zu schlagen, ist emotional kaum aufgeladen. Anstatt sich auf Shays Sinneswechsel zu konzentrieren, dient er den Schreibern nur als Vehikel, um die eilige Fahrt zur Gegenseite zu rechtfertigen.


Auch die anderen Charaktere bleiben ohne nennenswerte Persönlichkeiten und treten ebenso rasch auf wie sie auch wieder verschwinden. Ich kann nur vermuten, warum die Entwickler auf eine derart hohe Anzahl an prominenten Nebenfiguren setzen, diese aber nur sehr kurz anwenden. Möglicherweise soll die schiere Anzahl an „wichtigen“ Personen eine gewisse epische Breite erzählen, die der ambitionierten Thematik gerecht werden kann. Letztlich wirkt das Ensemble jedoch überladen und dürfte Anfängern den narrativen Einstieg in das komplexe Franchise wohl so schwer gestalten wie nie zuvor. Die Abstergo-Sequenzen in der Moderne wirken sogar noch schwächer und fühlen sich verkrampft an. Das Hacken der Rechner und die dazugehörige Datenaquise sind schwach inszeniert und mit Hinblick auf die hektische Erzählweise der Hauptgeschichte eigentlich sogar unnötig.

Die schadhafte Dichte der Erzählung setzt sich auch im Gameplay fort. Zwar profitiert Rogue hier von der Erfahrung der Entwickler, die ganz genau wissen, welche Mechaniken sich bewährt haben und welche nicht, dennoch leiden auch die eigentlichen Tugenden der Assassin‘s Creed-Reihe an der fehlenden Verjüngungskur, die dem Gameplay seit einigen Jahren verwehrt bleibt. Wie schon bei Black Flag spielt die Seefahrt eine große Rolle, ebenso wie die Marine-Schlachten. Obwohl die Weltkarte zwar mit ihrer Größe zu beeindrucken weiß, ist eine eigenständige Erkundung kaum motiviert. Zu generisch wirken die Überfahrten, die uns zwischen den Storymissionen erwarten. Immerhin blitzt das verlorene Potenzial der Idee in einigen packenden Gefechten auf, die mir tatsächlich taktisches Geschick abverlangen. Das gilt vor allem für das Flottensystem, das in Rogue ein verdientes Comeback feiert.


Von der Eintönigkeit ablenken kann dies aber leider nicht. Die enorme Bandbreite an Nebenmissionen, die mich zuweilen fast überforderte, suggeriert zwar einen ansehnlichen Umfang, erschöpft sich aber in einem zur Karikatur gewordenem Sammel-Fetisch, der mich immer wieder fragen lässt, warum gerade die Erzählung von elitären Geheimbünden und Intrigen auf derartige Grind-Mechaniken zurückgreifen muss. Das Kampfsystem ist solide und leicht erlernbar, bietet aber neben einer oberflächlichen Befriedigung keine spielerische Tiefe mehr. Überhaupt fühlt sich das eigentliche Spiel durchaus unterhaltsam an, jedoch basiert dies nur auf den zeitnahen Belohnungen, die bei der nebensächlichen Abarbeitung bekannter Schemata für mich herausspringen.

Fazit

Assassin's Creed Rogue verdient Lob für die Absicht, mit den anderen Ablegern zu brechen und eine neue erzählerische Perspektive zu suchen. Die viel größere Schelte verdient das Spiel aber für die verordnete Bequemlichkeit, durch die diese Suche am Ende scheitert. Die konservative Spielmechanik ist vor allem in Verbindung mit dem fragwürdigen Pacing ein deutliches Signal an die Köche von Ubisoft. Der Kessel, aus dem anfangs noch aus den Vollen geschöpft werden konnte, ist so gut wie leer und die Kelle der Entwickler kratzt bereits lautstark am Boden. Die Einsicht dieser Blutarmut könnte das Franchise aber möglicherweise endlich wieder auf neue Beine stellen.


Assassin's Creed Rogue leidet nicht an denselben Problemen wie der große Bruder Unity, neigt aber zu spielerischer Eintönigkeit.
  • mutiger Storyansatz
  • solide Spielelemente
  • schwache Erzählweise
  • uninteressante Hauptfiguren
  • hektische Inszenierung
  • recycelte Inhalte

Assassin's Creed Rogue wurde in Form eines Retail-Musters von Ubisoft bereitgestellt. Alle Aussagen beziehen sich auf die PS3-Version.

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Ich bin ein professioneller Motocross-Champion mit Abschlüssen in Kunstgeschichte und Paläontologie, der Picasso/Dinosaurier-relevante Kriminalfälle in seiner Freizeit aufklärt.
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