Firewatch im Test – Danke für das Gespräch

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© Campo Santo
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Radegast Hannes Rossow
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Ich bin ein professioneller Motocross-Champion mit Abschlüssen in Kunstgeschichte und Paläontologie, der Picasso/Dinosaurier-relevante Kriminalfälle in seiner Freizeit aufklärt.
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Wer dem Release von Firewatch entgegengefiebert hat, dürfte sich in erster Linie auf die wunderschöne Spielwelt gefreut haben. Jeder Screenshot, der uns vorab die einsamen Wälder eines Nationalparks in Wyoming gezeigt hat, entfaltete dieselbe Wirkung wie die restlichen Werke von Olly Moss, der für das Artdesign von Firewatch verantwortlich zeichnet. Mit derselben Finesse wie wir sie von seinen alternativen Filmplakaten kennen, malte der Künstler mit warmen Farben das Versprechen einer einzigartigen Umgebung.

Waldeinsamkeit

Wieso, weshalb und warum wir uns nun also als einsamer Brandschützer in den Wäldern befinden, ist dann schon gar nicht mehr so wichtig. Das Nachfühlen der Einsamkeit steht über den Dingen und ist den meisten als Erfahrung schon genug. Die Entwickler selbst bieten sogar einen Service an, der uns die selbstgemachten Fotos, die wir im Spiel schießen, nach Hause schickt.


So schön Firewatch teilweise auch ist, die warm-bunten Wälder sind nicht der größte Reiz, den das Spiel zu bieten hat. Tatsächlich flaut die Wirkung der zahllosen Postkartenmotive schnell ab und uns fällt auf, dass wir uns nur auf festgelegten Pfaden bewegen, die weder etwas mit echtem Wandern zu tun haben, noch wirkliche Entdeckungen zulassen. Und auch die Geschichte rund um Henry, der vor einer Pflicht flieht, die ihm über den Kopf wuchs, ist melodramatisch.

Und doch bin ich wirklich beeindruckt von Firewatch. Das liegt aber nicht an der Welt, dem Spannungsaufbau oder der ausgesprochen guten Vertonung von Henry und seiner nie anwesenden Chefin Delilah, sondern an der netten Plauderei. Nicht Firewatch hat mich gut unterhalten, vielmehr habe ich mich in Firewatch wirklich gut unterhalten können. Henry ist den gesamten Sommer 1989 mit seiner selbstgewählten Einsamkeit beschäftigt und nur das Funkgerät lässt mich mit einer anderen Person sprechen. Und obwohl diese andere Person nie wirklich da ist, haben sich Gespräche und Dialoge in Videospielen noch nie so natürlich angefühlt.

Over and out

Immer wieder reibe ich mich an Dialogsystemen, die mich in unnatürliche Gesprächssituationen werfen. Mein Gegenüber wartet stumm und still gerne auch mal 30 Minuten auf meine Antwort, wenn ich mich nicht entscheiden kann. Und wenn wir beide nichts zu sagen haben, starren wir uns peinlich berührt an, ohne dass meine Gesprächspartner und ich wirklich peinlich berührt sind. Dialogzeilen können noch so treffend und subversiv sein – wenn keine echte Gesprächsdynamik aufkommt, bleibt es beim unbequemen Aufsagen von auswendig gelernten Phrasen. In Firewatch hingegen darf ich plaudern, schwatzen und über Gott und die Welt reden.

Mit einem kurzen Tastendruck kann ich das Funkgerät zücken und Dinge, die mir auf meinem Wanderweg begegnen, melden oder kommentieren. Aber ein Muss ist das nicht, ganz und gar nicht. Anstatt einfach stupide alle Dialogoptionen auszuschöpfen, weil sie vielleicht wichtige Informationen enthalten könnten, dürfen Gespräche in Firewatch auch einfach banal sein. Ich rede über Waschbären, Bierdosen, die Aussicht und meine Toilette. Nichts davon ist wichtig und das ist großartig. Dadurch, dass mir das Spiel die Wahl lässt, ob und wann ich mit Delilah rede, habe ich das Gefühl, wirklich einen Menschen kennenzulernen.

Selbst im späteren Verlauf des etwas sechstündigen Waldaufenthalts gibt es keinen spürbaren narrativen Zwang, der mir Gespräche abnötigt. Wenn ich nicht reden will, mache ich eben alles allein. Freunde ich mich mit Delilah an oder will ich lieber diskutieren? Ich habe stets das Gefühl, dass ich mich mit Henrys Beziehung zu Delilah tatsächlich identifiziere. Wir haben unsere Insider-Witze und ihre stete Abwesenheit befreit mich von peinlichem Schweigen und unglaubwürdiger Mimik.

Fazit

Firewatch spricht schwere Themen an und macht zwischendurch eine beeindruckende Wandlung zum Mystery-Thriller durch. Doch egal ob es nun um Liebe, Angst, Paranoia oder Reue geht, die Bedeutung dieser Motive würde verpuffen, würde Firewatch mich nicht auch einfach nur plaudern lassen. Und auch wenn die Geschichte am Ende einen bemühten Anti-Twist probiert, um mich zu überraschen, überwiegt die unaufgeregte Menschlichkeit von Henry und Delilah in jeder Minute. Darüber wollte ich einfach kurz mit euch reden.

Firewatch ist wunderschön und stimmig erzählt, doch erst die Lebendigkeit der Gespräche hebt das Spiel hervor.
  • glaubwürdige Dialoge
  • menschliche Figuren
  • teils wunderschöne Spielwelt
  • trotz ruhiger Momente oft zu hektisch erzählt
  • kleinere technische Fehler

Firewatch wurde uns in Form eines Download-Keys für PS4 vom Publisher zur Verfügung gestellt. Das Spiel ist seit dem 9. Februar 2016 für PC und PS4 erhältlich.

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