Mein Herz für Klassiker

Ich, Fallout 2 & die Überforderung der Apokalypse

Fallout. Fallout always changes.
© Interplay Entertainment
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moviepilot Team
Radegast Hannes Rossow
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Ich bin ein professioneller Motocross-Champion mit Abschlüssen in Kunstgeschichte und Paläontologie, der Picasso/Dinosaurier-relevante Kriminalfälle in seiner Freizeit aufklärt.

Aha! Fallout 4 erscheint in dieser Woche und das Herz für Klassiker nimmt sich den Black Isle-Klassiker Fallout 2 zur Brust? Ist das noch Zufall? Naja, eher jein, denn natürlich schwebt der große Bethesda-Release auch über unserer Redaktion, doch meine Liebe zu Fallout 2 hat sich trotzdem noch einmal heftig entflammt. Und das ist auch nicht verwunderlich, denn das aufpolierte Rollenspiel, das uns derzeit ins Haus steht, lässt mich unentwegt daran denken, wie ich damals meine ersten Schritte ins Ödland getan habe.

Nun befürchte ich aber, dass die große Vorfreude auf Fallout 4 vor allem im Erfolg des direkten Vorgängers begründet liegt. Fallout 3 war für viele Fans die erste Begegnung mit dem Franchise und eine sehr persönliche Erfahrung. Endlich gab es wieder ein modernes Rollenspiel, das nicht in Fantasy-Welten oder SciFi-Galaxien verankert war, sondern sich auf eine postapokalyptische Welt konzentrierte. Das war neu und anders, denn wo wir sonst immer die Welt retten mussten, kommt jetzt jede Rettung zu spät. Die Welt ist kaputt und wir stapfen nur noch durch Ruinen.

Hilfe, wo bin ich

Doch wo Fallout 3-Fans sich vor allem an die weitläufige Spielwelt erinnern, die von zerstörten Vororten, versteckten Bunkern und Banditennestern nur so wimmelte, hat sich das Weltenende in Fallout 2 noch ganz anders angefühlt. Das isometrische Rollenspiel war damals nicht nur meine erste Begegnung mit der Fallout-Reihe, sondern mein ersten Rollenspiel von westlichem Format. Bis dahin hatte ich mich, wenn überhaupt, nur an japanischen Rollenspielen versucht. Dass es einen erzählerischen Unterschied zwischen den beiden Genres geben könnte, war mir damals nicht bewusst.

Den gibt es aber und Fallout 2 hat ihn mich damals ganz genau spüren lassen. Im Westen wird der Spieler weniger stark an die Hand genommen und oftmals mit einem Ausmaß an Freiheiten entlassen, die einschüchternd wirken können. Wurde ich in Final Fantasy VI noch ganz behutsam in die Welt und ihre Figuren eingeführt, stand ich in Fallout 2 plötzlich einfach da und musste zurechtkommen. Natürlich hat es mich gefreut, dass ich sofort loslegen konnte. Aber ich wusste absolut nicht, wie das Spiel funktioniert, wo ich bin, was ich machen soll oder wie ich überhaupt Fortschritte erreichen kann.

Auch nach mehreren Spielstunden wurde es nicht besser und ich fühlte mich ständig überfordert. Ich konnte weder die Spielmechanik durchschauen, noch der Geschichte wirklich folgen. Auch die Nebenquests konnte ich nicht priorisieren, die aktuellste Aufgabe war in meiner Logik immer die wichtigste. Und letztlich war jeder Ausflug in das Ödland gleichbedeutend mit dem Tod, denn scheinbar ging ich immer genau dorthin, wo es für meinen schwächlichen Anfangscharakter viel zu gefährlich war. Kurz gesagt: Ich wusste nicht, wo vorn und hinten ist.

Und es war großartig!

Meine fehlende Expertise war mir nämlich nicht bewusst. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass es die Intention des Titel sei, mich ständig orientierungslos und verunsichert in der Gegend rumstehen zu lassen. Natürlich muss jeglicher Fortschritt zäh sein, immerhin handelt es sich hier um eine zerstörte Welt, ohne wirkliche Infrastruktur oder allgemeine Gesetzgebung. Ich fühlte mich in den Wilden Westen versetzt, nur dass ich nicht der lässige Clint Eastwood war, den ich damals so verehrte, sondern ein radioaktives Greenhorn, das froh sein kann, wenn es gefahrlos über die Straße gehen kann.

Ein ähnliches Gefühl muss auch die Fallout 3-Spieler gepackt haben, nur dass es ihnen dabei um die Größe der Spielwelt ging. Wo bin ich? Ist dieser Dungeon wichtig? Soll ich da noch reingehen, bevor ich mich wieder auf nach Megaton mache? Die schleichende Hilflosigkeit hat die Fallout-Reihe schon immer ausgezeichnet und ich bin sicher, dass es vielen auch mit Fallout 4 so ergehen wird. Doch diese ungeahnte Schwierigkeit, die ich damals in Fallout 2 gefunden habe, habe ich danach nie wieder erlebt. Ich verstehe jetzt leider, wie Videospiele funktionieren.

Daher wünsche ich mir manchmal, ich könnte einfach alles wieder vergessen und noch einmal die intensiven Stunden erleben, die ich mit Fallout 2 verbracht hatte. Ich möchte wieder vor dem Betreten eines Hauses, das ich nicht kenne, in Aufregung geraten. Einfach weil ich tatsächlich nicht weiß, was mich dort erwartet.

Ahnungslosigkeit macht manchmal eben doch glücklich.

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Radegast Hannes Rossow
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