In The Division gibt es fast keine Kinder – was steckt dahinter?

The Division
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R3nDom Dom Schott
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Ich weiß doch auch nicht.
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Disclaimer: Nach Veröffentlichung des Artikels wurde mir von mehreren Spielern berichtet, dass in ihren Spielständen sehr wohl Kinder anzutreffen waren – allerdings nicht in der Spielwelt, den Straßen von New York, selbst. Da der Artikel auf meiner bisherigen (kinderlosen) Spielerfahrung von immerhin 19 Stunden basiert, spiegelt er diese individuellen Beobachtungen nicht wieder, ist in seiner Aussage jedoch noch immer richtig. Um allerdings euer Feedback zu reflektieren, habe ich den Artikel entsprechend bearbeitet.

Nach einigen Spielstunden hatte ich dank meiner Spaziergänge in The Division genügend Materialien zusammengekratzt, um eine Kinderklinik im Medizin-Trakt der Hauptbasis zu bauen. Die Chef-Ärztin lobte meine Investition und freute sich lautstark darüber, dass in Zukunft auch Kinder eine Aussicht auf Behandlung haben werden. Diese gute Nachricht hat allerdings einen Haken:

Es gibt fast keine Kinder in der Welt von The Division.

Egal, durch welche Straßen wir laufen, welche Türen wir eintreten oder welche Zwischensequenzen wir abspielen: Wir begegnen kein einziges Mal einem Kind. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Welt von The Division die Existenz der Heranwachsenden unter 18 Jahren leugnet, im Gegenteil. Neben dem angesprochenen Medizin-Trakt können wir immer wieder Zivilisten über ihre Kinder sprechen hören, die meist sehr krank auf ihre Medizin zu warten scheinen oder zu schwach sind, um über die Türschwelle ihres Zufluchtsortes zu treten. Hin und wieder begegnen wir auch dem Nachwuchs in der Hauptbasis. Ausnahmen, die wir auf den Straßen der Stadt und damit der eigentlichen Spielwelt antreffen, gibt es keine.

Aber wieso scheuen sich die Entwickler eigentlich so sehr davor, nicht nur erwachsene Menschen (und Hunde, viel zu viele Hunde) durch New Yorks wandern zu lassen? Wieso werden Kinder konsequent aus unserem Blickfeld verbannt? Eine mögliche Theorie, die Ursache dieses Phänomens zu erklären, ergibt sich aus der Logik des Schauplatzes von The Division.

Die ersten Opfer der Pandemie

Das Virus, das zu den post-apokalyptischen Zuständen in The Division geführt hat, ist ein tödlicher Bio-Mix verschiedenster verheerender Krankheitserreger wie Pocken und Ebola. Während die Urheber dieser terroristischen Angriffe unbekannt blieben, zeigt uns der Vorspann des Spiels, wie schnell die Gesellschaft nach der Verbreitung des Virus in sich zusammenbrach. Immer mehr Menschen infizierten sich auf verschiedensten Wegen mit dem Krankheitserreger, während eilig eingerichtete Hilfslager innerhalb von wenigen Tagen hoffnungslos überfüllt waren. Als offensichtlich wurde, dass die Regierung noch immer über kein Heilmittel verfügte, flüchteten viele Menschen über die Landesgrenzen oder verbarrikadierten sich in ihren Wohnungen. Die Straßen der Stadt fielen in die Hände zahlreicher bewaffneter Gangs, die den Handel mit Lebensmitteln kontrollierten, während die Agenten der Division zum Zeitpunkt unseres Eintreffens bereits eine gesamte Einsatztruppe im Chaos der Stadt verloren haben.

Es ist durchaus denkbar, dass vor allem Kinder und ältere Menschen zu den ersten Opfern dieser Katastrophe gehörten. Beide Gruppen sind beim Ausbruch der meisten tödlichen Krankheiten die Risikoträger, die die höchsten Sterberaten und Infektionen aufzeigen. Schuld daran ist das im Vergleich zu einem Menschen mittleren Alters schwache Immunsystem und insbesondere bei Kindern der Umstand, dass Impfungen je nach Krankheit erst zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr möglich sind.

Die Folgen des furchtbaren Super-Virus, das die Welt von The Division heimsucht, dürften also noch verheerender für Kinder gewesen sein, die ohnehin zu den Risikogruppen gehören. Zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Gesellschaft war zudem wohl auch jeder Ausflug in die Ruinen der Stadt ein lebensgefährliches Vorhaben: Das Recht des Stärkeren, das mittlerweile in New York herrschte, ist eine tödliche Überlebensregel für die Kleinsten und Schwächsten unserer Gemeinschaft.

So ließe sich das Fehlen der vielen Kinder in New York aus der Spiellogik heraus erklären, doch habe ich das Gefühl, dass diese Theorie nicht vollständig aufgeht. Beispielsweise zeigen einige im Spiel verteilte Hologramme viele Frauen und Männer Hand in Hand, die vor einem Erste Hilfe-Lager anstehen. Haben selbst zu einem so frühen Zeitpunkt der Epidemie etwa nur junge, kinderlose Pärchen und Geschwister-Duos nach Hilfe gesucht? Und wieso sollen wir eine Kinderstation im Medizin-Trakt unserer Basis bauen, wenn die wenigen überlebenden, minderjährigen Patienten ohnehin nicht mehr ihr Haus verlassen können oder dürfen?

Je mehr Zeit ich mit The Division verbringe, desto mehr bekomme ich den Eindruck, dass ganz gezielt auf die Abbildung von Kindern und ihren Schicksalen im anarchischen Chaos der Stadt verzichtet wurde. Der Grund hierfür liegt dabei nicht etwa in der verheerenden Sterberate, die das Virus mit sich zog, sondern im Wesen des Spiels selbst: The Division will uns im Level aufsteigen lassen und kurzweilige Gefechte mit anderen Spielern bieten. Die kleinen Szenen des zwischenmenschlichen Alltags erzählt der MMO-Shooter hingegen nur plump und oberflächlich. Die Größte seiner Spielwelt bietet keinen Platz für die Intimität der Kinder und ihrer Schicksale.

Eine Welt als Diorama

Auf den ersten Spaziergängen durch das virtuelle New York stolpern wir immer wieder über kleine Gruppen Überlebender, die uns nicht augenblicklich mit schief gehaltener Pistole angreifen. Stattdessen hecken sie gerade einen Plan aus, wie sie zum nächsten Stützpunkt der Division gelangen, sie streiten um Konservendosen oder fürchten sich vor einem streunenden Hund, der droht, sie anzufallen. Auf eine gewisse dystopische Art und Weise scheint das Leben im post-apokalyptischen New York zu pulsieren. Überall passiert etwas.

Doch je häufiger ihr auf diese kleinen Alltagsszenen stoßt, desto eindringlicher wird der Blick hinter die Spielkulisse: Dass sich die Dialogzeilen der NPCs irgendwann wiederholen, ist unvermeidlich, allerdings zerbricht die Illusion des lebendigen Treibens um euch herum auch dann, sobald ihr den Gruppen physisch zu nahe kommt. Übertritt euer virtueller Avatar eine unsichtbare Grenzlinie, so brechen alle Animationen der Zivilisten innerhalb eines Sekundenbruchteils ab. Ehemalige Familienmitglieder, Liebende und Überlebende verstreuen sich Hals über Kopf in alle Richtungen, ohne auch nur ein einziges Mal zurückzublicken.

In diesen Momenten wird deutlicher denn je, dass The Division in erster Linie ein unterhaltsamer MMO-Shooter ist, der euch mit Freunden gegen Flammenwerfer-Typen und Kriminelle anstürmen lässt. Die tragischen Folgen des Virus-Angriffes sind ein schmückender Überbau für die Spielmechanismen, aber kein eigentliches Thema, mit dem sich The Division bewusst auseinandersetzt. Das Gameplay steht über der Frage nach den Schicksalen der Menschen. So ist es uns möglich, kommentar- und konsequenzlos Vorräte aus Flüchtlingslagern in unser Inventar wandern zu lassen, während wir Bettlern nur deswegen einen Müsliriegel überlassen, weil wir im Gegenzug eine Chance auf seltene Items haben. Wir handeln nicht aus selbstloser Empathie, sondern in Erwartung auf eine Belohnung.

In einer solchen Welt scheint kein Platz für Kinder und ihren ganz eigenen Kampf mit der Katastrophe zu sein, der innerhalb des gesamten Spielekosmos ohnehin nur selten thematisiert wird. Die Entwickler können und wollen diesen Schicksalen nicht auf eine sensible Weise gerecht werden, wie es zuletzt beispielsweise This War of Mine: The Little Ones geschafft hat: Hier mussten wir viele Spielstunden mit den oftmals traumatisierten Heranwachsenden verbringen, um sie wieder ins Leben zurückzuholen. Ubisofts Spiel fehlen hingegen schlichtweg die Mittel und vor allem auch der Willen, aus ihrer Spielwelt mehr als nur ein Diorama, einen post-apokalyptischen Schaukasten, zu machen. Und genau das ist meines Erachtens der wahre Grund, warum es in The Division fast keine Kinder gibt.

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