Sich über Remasters & Remakes aufzuregen, ergibt keinen Sinn

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Ich mache Dinge mit Worten und Videospielen und brauche dafür sehr viel Kaffee.

Neue Konsolen bedeuten gleichzeitig neue Spiele. Mit dieser Erwartungshaltung schritten Spieler im Herbst 2013 voller Vertrauen in eine neue Hardwaregeneration, die nach acht langen Jahren längst überfällig war. Was viele aber vergessen haben, ist, dass eine neue Generation nicht immer nur komplett neue Spiele bedeutet.

Die Vergangenheit wiederholt sich

Während der Launch-Zeitraum zwar ziemlich an der Armut an Exklusivtiteln für Xbox One und PS4 kränkelte, gab es seither dennoch einige neue Spiele und neue Franchises, die es auf den Vorgängern zuvor nicht gegeben hat. Zusätzlich kehrten einige vertraute Reihen zurück – allerdings nicht immer nur in Form von Fortsetzungen, die sich Spieler vielleicht wünschen.

Neben Sequels, Prequels und neuen Titeln fand auch ein alter Bekannter zurück, der schon seit jeher Gast in der Videospielbranche ist, gern aber vergessen wird und nicht immer gern gesehen ist: die Remastered Edition.

Plötzlich füllten sich die Ladenregale nicht nur mit dem nächsten Teil einer Reihe, der Vorgänger, der zuvor für PS3 und Xbox 360 erschienen war, gesellte sich dazu oder drängte sich sogar an die Stelle, die Spieler mental für eine Fortsetzung reserviert hatten. Eine Ankündigung reiht sich an die nächste und mittlerweile vergeht kaum ein Monat, in dem nicht irgendein Remaster angekündigt wird.

Das ist allerdings keinesfalls ein neues Phänomen. Vielmehr sehen wir es mit jeder neuen Konsolengeneration auftauchen. Schon die Vorgänger der PS4 und Xbox One durften sich über jede Menge bereits auf deren Vorgängern veröffentlichte Titel freuen: Egal, ob God of War, Ico & Shadow of the Colossus, Beyond Good & Evil oder Bully, ein Remaster und eine HD-Collection jagte die nächste. Wir brauchen gar nicht weit in die Vergangenheit blicken, um festzustellen, dass die Idee noch viel älter ist und sich erst recht nicht auf nur einen Generationensprung festlegen will.

Warum Altes doch neu sein kann

Ich bin mir ziemlich sicher, dass fast jeder, der diesen Text liest, mindestens ein Remaster nennen kann, durch das er erstmals auf ein Spiel oder eine Reihe aufmerksam geworden ist. Eigentlich ist es bei der schieren Masse an runderneuerten Titeln gar kein Wunder und schlimm ist es auch nicht, denn auch Altes kann neu sein.

Mit jeder neuen Konsolengeneration kommt eine neue Spielergeneration hinzu, die zum ersten Mal mit einer Marke oder vielleicht mit Videospielen allgemein in Kontakt kommt. Für jeden gibt es einen anderen Einstiegspunkt und nicht jeder ist seit Pong mit von der Partie oder wurde mit dem Controller in der Hand geboren. Niemand kann alles gespielt haben. Schon gar nicht, wenn man sich nicht entscheidet, zum Sammler zu werden und alte Hardware zu kaufen, um Spiele zum ersten Mal auf ihrer Ursprungskonsole zu erleben.

Daher gibt es immer Spieler, die ins analoge oder digitale Ladenregal greifen und ein Spiel herauspicken, das es bereits zuvor auf einer oder sogar mehreren älteren Plattformen gegeben hat. Ihre Erfahrung ist deshalb nicht weniger neu, nicht weniger besonders oder weniger wert als die derjenigen, die sie Jahre zuvor gemacht haben.

Remastered Editions sind in erster Linie nicht für treue Anhänger einer Konsolen-Marke da oder für diejenigen, die das Spiel sowieso schon besitzen. Sie sind ein Einstieg für neue Spieler, für diejenigen, die eine Generation später ebenfalls in den Genuss einer bestimmten Erfahrung kommen sollen und wollen.

Besonders relevant ist das am Ende einer Konsolengeneration, wenn die Verkäufe der Current Gen ins Bodenlose sinken, da viele potenzielle Interessenten davor zurückschrecken, Geld in bald veraltete Hardware zu investieren. Spiele, die zu diesem Zeitpunkt erscheinen, mögen technisch ausgefeilter sein und das Meiste aus der Hardware herausholen, das nützt allerdings niemandem etwas, wenn sie nicht oder kaum gekauft werden, weil alle Augen schon auf die nächste Plattform am Konsolenhorizont gerichtet sind. Spiele wie The Last of Us beweisen zwar, dass es auch anders geht, aber auch The Last of Us Remastered schaffte es noch einmal, eine Menge neue Spieler für sich und seine (potenzielle) Fortsetzung zu gewinnen.

Warum Remakes eine gute Sache oder euch zumindest egal sein können

Je häufiger sich ein Spiel verkauft, desto größer ist die Chance, dass es einen Nachfolger erhalten wird. Man muss kein CEO eines großen Publishers sein, um diese Rechnung zu verstehen. Aber nicht nur das: Der Erfolg eines Spiels kann den Werdegang eines kompletten Studios beeinflussen und entscheiden, ob sie an weiteren Projekten arbeiten werden – sei es an Nachfolgern oder komplett anderen Projekten. Remastered Editions sind eine Möglichkeit, die Verkäufe mit relativ kleinen Mitteln steigen zu lassen und so eine Grundlage für weitere Titel zu schaffen.

Ist ein Spiel noch nicht zu alt, können Assets weiterverwendet werden, Concept Artists und Designer werden nicht benötigt und auch Autoren haben bereits ihre Arbeit getan. Das Team, das an The Last of Us Remastered gearbeitet hat, war beispielsweise wesentlich kleiner als der Teil von Naughty Dog, der für das Original verantwortlich zeichnet. Das PlayStation-exklusive Action-Adventure gehört zudem zu einem der Sonderfälle, die von ihrem eigenen Team portiert wurden. Das ist bei Weitem nicht immer der Fall.

Die Uncharted Collection, Gravity Rush Remastered, Flower oder Ico & Shadow of the Colossus Collection wurden alle von Bluepoint entwickelt, einem Studio, das sich auf Ports und Remastered Editions spezialisiert hat. Das Team ist dabei so gut, dass es sogar für eine Kontroverse sorgte, weil ihre Version von Titanfall für Xbox 360 so gut aussah, dass einige Spieler der Überzeugung waren, Microsoft hätte das Projekt mit Absicht versteckt, damit mehr Leute den Mech-Shooter in Kombination mit einer Xbox One kaufen.

Ein häufiges Argument gegen Remastered Editions ist, dass sich die Entwickler lieber um ein originelles Projekt oder einen Nachfolger kümmern sollen. Fakt ist aber: Das tun sie. In den wenigsten Fällen ist ein Studio auch für den Port oder eine Remaster Edition des eigenen Spiels verantwortlich. Dafür profitieren sie – und somit ihre neuen Spiele – aber von den zusätzlichen Verkäufen dieser.

Mittlerweile sind Remastered Editions in den meisten Fällen nicht mehr einfache HD-Umsetzungen, an denen kaum mehr gemacht wird als ein wenig grafische Politur. Häufig werden neue Modi oder Gameplay-Möglichkeiten eingefügt wie zum Beispiel der Fotomodus der Uncharted Collection oder gleichen Fehler und Probleme aus, unter denen das Original litt. Im Fall von Tearaway Unfolded erwartete Spieler quasi ein völlig neues Spiel. Zuerst für die ungeliebte PS Vita erschienen, fristete Tearaway von LittleBigPlanet-Macher Media Molecule ein Schattendasein. Zwei Jahre später bekam sie mit einer Mischung aus Port und Remaster eine zweite Chance, ein größeres Publikum anzusprechen.

Die Remaster-Welle

Grim Fandango, Day of the Tentacle, Tomb Raider, Turok und jedes Resident Evil-Spiel unter der Sonne – es ist leicht zu verstehen, warum Spieler mittlerweile die Schnauze voll vom Wort Remastered haben. Anstatt sich aber darüber aufzuregen, dass sie Zeit und Ressourcen von Projekten wegnehmen, die Gamer vielleicht lieber sehen würden, sollten sie sich darüber bewusst werden, dass das eigentlich gar nicht immer der Fall ist – im Gegenteil sogar.

Remastered Editions legen einen Grundstein für Nachfolger und neue, originelle Projekte. Natürlich ist es nicht einfach, sich in Geduld zu üben und diese abzuwarten. Aber nur weil die Remaster Editions gerade zu Beginn einer neuen Konsolengeneration die Schlagzeilen zu dominieren scheinen, heißt das nicht, dass nicht bald etwas Neues folgt. Eigentlich ist es sogar ein guter Hinweis darauf, dass genau das passieren könnte.

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