Zutritt verboten!

Test zu Dreamfall Chapters Book Two: Rebels

Dreamfall Chapters Book Two: Rebels
© Red Thread Games
Dreamfall Chapters Book Two: Rebels
moviepilot Team
Tim_Hoedl Tim-Philipp Hödl
du folgst
entfolgen

Autoren greifen häufig auf die "Show, don't tell"-Technik zurück, um ihre Leser nicht mit reinem Beschreiben zu langweilen, sondern die Immersion durch prägnante Bilder oder szenisches Schreiben zu verstärken. Was dieser literarische Exkurs mit Dreamfall Chapters Book Two: Rebels gemein hat? Leider mehr als mir lieb ist.

Alles geht den Bach runter

Wobei die Ausgangssituation des Adventures eine stimmige Grundlage bietet, Momente zu schaffen, die mich meine Maus vor Spannung umklammern lassen könnten. Schließlich spitzt sich das Geschehen rund um die Zwillingswelten Stark und Arcadia dramatisch zu. Im futuristischen Stark demonstrieren die Anwohner der Metropole Europolis gegen ausufernde Überwachungsmaßnahmen, geraten dabei aber mit schwer gepanzerte Einsatzkommandos aneinander.

Eine neuartige Technologie, die luzide Träume hervorruft, überschwemmt derweil die Straßenschluchten und spült einem dubiosen Konzern Geld in die Kassen. Dass sich dafür mehr und mehr Menschen vom Leben abkapseln und letztlich auf dem Asphalt stranden, interessiert die Verantwortlichen erwartungsgemäß wenig.

Währenddessen arrangieren sich zahlreiche Bürger der mittelalterlichen Stadt Marcuria mit der Besatzung durch die Azadi, die die magischen Minderheiten Arcadias schikanieren, sie in Ghettos pferchen oder in Arbeitslager verschleppen. Durch diesen Sumpf aus Intrigen sowie Unterdrückung waten die Protagonisten Kian Alvane und Zoe Castillo. So schließt sich der abtrünnige Azadi den Rebellen an, wohingegen Zoe einer politischen Verschwörung auf der Spur ist.

Inszenatorische Inkonsequenz

Bei dieser erzählerischen Brisanz verpasst Dreamfall Chapters Book Two: Rebels jedoch die Chance, mich die Nöte seiner Figuren spüren zu lassen. In der Rolle von Zoe beobachte ich beispielsweise mehrere Festnahmen. Diese stellt das Spiel aber reichlich statisch dar. Ich bleibe minutenlang neben den Polizisten stehen, remple sie irgendwann sogar an, trotzdem richten sie ihre Waffen stur auf die Personen, die sie umzingeln.

Von Zeit zu Zeit schnauzen mich immerhin Sicherheitskräfte im Vorbeigehen an, aber die grundlegende Krux bleibt bestehen: Diktaturen erzeugen aufgrund ihrer Unberechenbarkeit Schrecken. Selbst wenn ich versuche, mich diesem System zu beugen, muss ich dauernd fürchten, der Willkür zum Opfer zu fallen. Skripts können dieses Gefühl der Hilflosigkeit nicht einfangen, weil sie im wahrsten Sinne berechenbar sind.

Da die recht biedere Inszenierung von Dreamfall Chapters Book Two: Rebels diesen Mangel an Glaubwürdigkeit nicht aufwiegt, fehlt mir eine eindringliche Mechanik, die die inhaltlichen Aussagen untermauert. Als Vorbild könnte Papers, Please dienen, dessen Spielprinzip kontinuierlich Druck auf mich ausübt, mich jedoch gleichzeitig dazu anhält, diesen über meine Mitmenschen abzubauen. Indem es mich als Zahnrad in den Staatsapparat zwängt, erfahre ich am eigenen Leib, was Unterdrückung bedeutet.

In Book Two: Rebels wiederum fühle mich oftmals wie jemand, der das Treiben nur von draußen wahrnimmt und sich die Nase an der Scheibe platt drückt, in der Hoffnung, auf diese Weise mehr zu sehen.

Telltale + Point'n'Click-Vergangengheit = Chapters

Warum ich mich nicht einfach abwende? Obwohl die Präsentation der Geschichte veraltet wirkt, sind sie, ihre Charaktere sowie die etlichen Gespräche, die ich führe, vielschichtig, spannend und gut geschrieben. Die Rebellin Enu gewinnt mich zum Beispiel mit ihrer quirlig-sympathischen Art, die sie trotzdem nicht zum Comic Relief der Gruppe verkommen lässt, im Handumdrehen für sich.

Spielerisch ordnet sich Dreamfall Chapters in die Riege der modernen Adventures ein, an denen der Erfolg der Telltale-Titel nicht spurlos vorüberging. Wobei es ihre Formel nicht kopiert, sondern um gute wie auch schlechte Variablen erweitert.

Im Vergleich zu The Walking Dead nimmt Book Two: Rebels meine Entscheidungen ernster - im großen wie im kleinen. Immer wieder bezieht es sich auf Momente aus Book One und präsentiert mir die Auswirkungen meines Handelns. An manchen Stellen hängt selbst das Leben einiger Personen von mir ab. Ob sich dadurch der übergreifende Handlungsbogen entscheidend formen lässt, muss sich noch zeigen. Das Potential dazu besteht in jedem Fall.

Hinsichtlich des übrigen Gameplays hätte sich der Dreamfall Chapters-Entwickler Red Thread Games dafür gerne eher an Telltale orientieren dürfen. Zwar fallen die Schauplätze vergleichsweise groß aus, außerdem legt das norwegische Studio mehr Wert auf klassische Rätsel. Allerdings hemmen diese oft den Spielfluss, denn aus den Problemen, die es zu lösen gilt, erschließen sich mir nicht immer die konkreten Aufgabenstellungen oder meine Interaktionsmöglichkeiten, weswegen ich teils ziellos umherirre. Ähnliches kenne ich ja bereits vom Serienerstling The Longest Journey, über den ich auch geschrieben habe.

Fazit

Dreamfall Chapters Book Two: Rebels verfolgt größere Ambitionen als seine Vorgänger. Einerseits schätze ich es für die Probleme, die es anspricht, sowie die Meinung, die es diesbezüglich vertritt. Andererseits fehlt es am inszenatorischen wie spielerischen Feingefühl, um solchen Themen gerecht zu werden.

Es versucht, den Spagat zwischen modernen Adventures und seiner Point-and-Klick-Vergangenheit zu schaffen, setzt sich dabei aber zwischen zu viele Stühle. Wobei die Chance besteht, dass die Entwickler in diesem Raum eine Nische für sich entdecken. Dafür müssten sie sich nur im klaren sein, wohin sie ihr Weg führen soll: show oder tell?

Book Two: Rebels wagt mehr als seine Vorgänger, scheitert jedoch an den gewachsenen Ambitionen.
  • Spannende Handlung in einer vielschichtigen Welt
  • Entscheidungen mit spürbaren Auswirkungen
  • Gut geschriebene Figuren
  • Rätseldesign
  • Teils technische Mängel (Performance)
  • Inszenatorische Inkonsequenz


Für den Test von Dreamfall Chapters Book Two: Rebels nutze ich einen privat gekauften Steam-Key. Das Spiel ist seit dem 12. März für Käufer von Dreamfall Chapters verfügbar, unterstützt Windows-, Mac-, sowie Linux-Systeme und bietet einen Umfang von in etwa sechs bis acht Stunden.
Im Laufe des Jahres will Red Thread Games drei weitere sogenannte Books (Episoden) zu Dreamfall Chapters veröffentlichen.

moviepilot Team
Tim_Hoedl Tim-Philipp Hödl
du folgst
entfolgen
Das könnte Dich interessieren

Deine Meinung zum Artikel Test zu Dreamfall Chapters Book Two: Rebels

7c4739e3a0404e54a688b54114106c64