That Dragon, Cancer im Test — Wie ein Vater seinen Sohn rettete

That Dragon, Cancer
© Ryan Green & Josh Larson
That Dragon, Cancer
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R3nDom Dom Schott
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Ich weiß doch auch nicht.
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Ryan und Amy Green trauern um ihren vierjährigen Sohn Joel, der nach langem Kampf gegen den Krebs schließlich verstarb. That Dragon, Cancer erzählt von dieser Familientragödie und lässt uns Familie Green auf den letzten Schritten ihres gemeinsamen Weges mit Joel begleiten. Es ist eines der ungewöhnlicheren Spiele, die ihr in eure Steam-Bibliothek packen könnt und nach den fast zwei Stunden, die ich mit That Dragon, Cancer verbracht habe, fühle ich mich seltsam. Unangenehm berührt von dem Gefühl, einen Einblick in die Familie Green erhalten zu haben, der nicht für mich bestimmt war.

Eine wahre Geschichte

Im Alter von 12 Monaten erfahren Joel, seine Eltern und Geschwister von der düsteren Erkenntnis der Ärzte: Der kleine Junge leidet an Krebs. Ein vier Jahre andauernder Kampf gegen die Krankheit beginnt und beherrscht die Familie von diesem Tag an. Der Vater, Ryan Green, beginnt mit den Arbeiten an einem Spiel über seinen kranken Sohn, in dem er seine Gefühle, Sorgen, Ängste und Wünsche verarbeitet. Im Alter von vier Jahren verstirbt Joel schließlich umgeben von seiner Familie und Ryan Green beendet die Arbeiten an seinem Spiel. Er nennt es That Dragon, Cancer, benannt nach einem Drachen, an dem schon zu viele Menschen gescheitert sind und noch scheitern werden.

Wir wollen ein spielbares Abenteuer erschaffen, das poetisch ist, verspielt, voller Phantasie und Hoffnung. Wir haben uns entschieden, ihn und die Erinnerung an ihn auf diese Weise zu ehren.

- Ryan und Amy Green

Das Spiel erzählt in 14 kurzen Sequenzen Anekdoten aus dem Alltag der Greens irgendwo zwischen Enten füttern im Park und einer schicksalhaften Nacht, in der Joel nicht mehr aufhörte zu schreien und seinen Kopf vor Schmerzen gegen die Stangen seines Kinderbettes schlug. Wir erleben dabei einen Großteil der Geschichte aus der Perspektive des Vaters, der angesichts des fortschreitenden Krankheitsbildes seines Sohnes immer zermürbter und verzweifelter monologisiert. Schließlich bleiben ihm und seiner Frau nichts anderes als Gebete — und wir als Spieler sehen weiterhin zu.

Ohnmächtiges Leiden

Über die meiste Zeit hinweg erzählt That Dragon, Cancer seine Geschichte, indem es euch zum passiven Beobachter macht, der die sehr intimen Szenen gelegentlich durch einen Mausklick vorantreibt. In diesen Momenten sah ich mich seltsam deplatziert: Unangenehm betreten fühlte ich mich wie ein Eindringling in die Privatsphäre der jungen Familie, die sich mit ihren Ärzten besorgt über Joel berät. Es war, als hätte ich in einem gigantischen Wohnhaus die falsche Zimmertür geöffnet und wäre in eine private Tragödie gestolpert, die mich nichts angeht.

Ich habe mich bisher weder in meiner Familie noch im Freundeskreis mit der Diagnose Krebs auseinandersetzen müssen, stand allerdings schon an vielen Gräbern. Ich habe Trauer häufig erleben und mitansehen müssen. Vielleicht liegt es also an meinen persönlichen Erfahrungen, dass ich mich an der Seite von Amy Green und in der Haut ihres Ehemanns sehr unwohl fühlte. Vielleicht ist es andererseits das erklärte Ziel des Spiels? Uns die Tragödie näher zu bringen, die ein solches Schicksal wie das des jungen Joel begleitet? Vielleicht sollen wir uns unwohl und hilflos fühlen?

Nein. Ich glaube, That Dragon, Cancer hat weder ein Ziel noch eine Botschaft, die direkt an uns Spieler gerichtet ist. Stattdessen drückt uns Ryan Green ein virtuelles Aufbewahrungsbecken für die kostbaren Erinnerungen seiner Familie in unsere Hände. Sie wollen ihre Erinnerungen mit uns teilen und gleichzeitig einen Ort schenken, an dem unsere eigene Trauer und Sehnsüchte einen Platz haben.

Der verlorene Sohn, der gerettet wurde

Eine Eigenschaft von That Dragon, Cancer ist in diesem Kontext besonders bemerkenswert: Jede Stimme im Spiel ist echt. Sowohl die Eltern als auch die Geschwister von Joel haben Gespräch um Gespräch selbst vertont und auch der krebskranke Sohn quengelt, schreit, spricht und flüstert, als hätten wir ihn selbst persönlich kennengelernt. Ryan und Amy Green haben auf diese Weise viele Erinnerungen und gemeinsame Momente mit Joel in ihrem Spiel verpackt — und gleichzeitig Platz für die Gedanken und Sorgen der Spieler selbst gelassen.

Interessierte, die die Kickstarter-Kampagne mit 200 US-Dollar oder 500 US-Dollar unterstützten, durften kurze Grußbotschaften oder selbstgemalte Bilder einschicken, die dann im Spiel auftauchten: So stolperte ich über Besserungswünsche für den ebenfalls an Krebs erkrankten Videospielkritiker TotalBiscuit und handgezeichnete Familienporträts. Diese Momente gehörten zu den wirkungsvollsten, intensivsten Szenen, die mir That Dragon, Cancer schenkte. Die vielen, kleinen Botschaften der Absender, die sich um wortwörtlich jeden Preis im Spiel verewigen und ihre Gefühle teilen wollten, berührten mich auf eine Art und Weise, wie es das eigentliche Spiel von Ryan Green im Gegensatz dazu leider nur selten schaffte.

Aber ich glaube, das ist auch nicht der Maßstab, an dem That Dragon, Cancer gemessen werden sollte: Statt eines Abenteuers, das uns Hoffnung oder Trauer lehren soll, dürfen wir einen Blick in ein Kapitel der jungen Familie Green werfen, das von einem Schicksalsschlag überschattet wird. Was wir aus diesem kurzen Austausch machen, bleibt uns überlassen und liegt nicht mehr in den Händen des Spiels.

Am Ende seiner Reise schreit Ryan Green nach fast zwei Spielstunden seine Verzweiflung zum Himmel: Was, wenn ein Mensch nach seinem Tod vergessen wird? Was ist das Leben wert, wenn es ohne Folgen bleibt? In diesem Sinne hat Ryan seinen Sohn gerettet. Er hat ihm ultimativ einen Ort geschenkt, an dem ihm seine Familie gedenken kann — und zu dem wir herzlich als stillschweigende Zuschauer und Trauergemeinde eingeladen sind. Für dieses Privileg, das mir so noch nie ein Spiel anvertraut hat, danke ich dir, Ryan Green.

That Dragon, Cancer ist eine Einladung zum Zusehen: Wir erhalten das Privileg, die Tragödie einer Familie mitzuerleben, aber auch die Bürde, den Schmerz zu teilen.
  • Extrem intime Einblicke in das Zusammenleben der Greens
  • Originalstimmen
  • Angenehme Erzählgeschwindigkeit
  • Aufrichtig und ehrlich erzählt
  • Balance zwischen Voyeurismus und Empathie nicht immer gehalten
  • kleinere Bugs

Dieses Review wurde mit Hilfe eines PC-Keys erstellt, den uns der Entwickler zur Verfügung gestellt hat.

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Ich weiß doch auch nicht.

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