The Division im Test — Einsam zwischen Häuserschluchten

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The Division ist zweifellos eines der interessantesten Spiele, mit dem ich mich in den letzten Monaten beschäftigt habe. Der Ausflug in die Post-Apokalypse entpuppt sich als eine Kombination aus Rollenspiel und Taktik-Shooter, die ich in dieser Form noch nicht erleben durfte. Auf Tastendruck pressen wir uns in fließenden Bewegungen an Häuserruinen, in denen vor Monaten noch der Alltag herrschte, und schießen auf vermeintlich Kriminelle, die täglich um ihr eigenes Überleben kämpfen müssen. Doch während die Spielmechaniken das beste aus ihren jeweiligen Genres zu verbinden wissen, bleibt das New York der Post-Apokalypse ein Friedhof der Menschlichkeit.

Tatenlose Helfer in der Not

Wir sind Teil der Elite-Einheit Division, die einst ausgebildet wurde, um in extremen Krisensituationen das Ruder zu übernehmen und die auseinander gebrochene Gesellschaft wieder zu flicken. Das Spiel spricht es nicht direkt aus, doch im Grunde wirken wir bei nichts anderem als der Errichtung einer Militärregierung mit, die von regulären Soldaten und den Division-Agenten gleichermaßen geschultert wird. Das Ziel dieser Zusammenarbeit: Die Zivilisation wieder neu aufbauen, den Opfern auf den Straßen der Stadt zurück ins Leben helfen und ein Gegenmittel für das Virus finden, das an dem ganzen Schlamassel schuld ist. Allerdings scheitert das Spiel von Beginn an, diese Ziele auch über das Intro hinaus zu vermitteln.

Wir stützen die hilfsbedürftigen Menschen nicht, wir nutzen sie aus: Den Bettlern auf den Straßen schmeißen wir Müsliriegel um Müsliriegel entgegen, weil wir wissen, dass dafür ein seltenes Kleidungsstück als Belohnung winkt. Im Hauptquartier entscheiden wir uns nicht gegen ein Munitionslager und für eine Krankenstation, weil wir den Menschen helfen wollen, sondern weil die Fähigkeiten, die uns der Medizintrakt verspricht, verlockender erscheinen. Haben wir spätestens jetzt die Schwelle übertreten, die menschliches Leid nur noch auf ein "atmosphärisches Feature" reduziert? Diese Gedanken plagen mich, während ich mit geschulterter Waffe durch die Ruinen der Menschlichkeit sprinte.

Deutlich facettenreicher präsentiert sich The Division allerdings, sobald wir nicht mehr für, sondern gegen die Bewohner der Stadt kämpfen. Die übersichtlichen Menüs bieten uns viele verschiedene Schusswaffen an, deren Werte wir minutenlang vergleichen, um uns dann in den Häuserkampf zu wagen. Unsere Ziele: Kleinkriminelle, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, organisierte und gut ausgerüstete Banden und schließlich die sogenannten Cleaner, die mit Flammenwerfern in den Händen und einer Vision vor Augen alles und jeden einäschern.

Diese Straßenschlachten, die mal in U-Bahn-Anlagen, mal auf Häuserdächern stattfinden, sind angenehm fordernd und verlangen von uns, durchaus taktisch klug zu handeln. Als Belohnung hinterlassen die leblosen Körper verschiedenste Gegenstände, über die wir uns gierig stürzen. Dann beginnt es wieder, die Routine, die euch die nächsten 30 und mehr Spielstunden nicht mehr loslassen wird: Werte vergleichen, neue Waffen ausrüsten, alte Gegenstände beim nächsten Händler verkaufen. Der Grund für unseren Einsatz spielt längst keine Rolle mehr, mit Ausnahme des Finales gibt sich die Hauptgeschichte ohnehin kaum Mühe, interessant oder auch nur präsent zu sein. The Division will euch aufleveln, nicht zum Nachdenken bringen. Und damit scheint die Mehrheit der Spieler einverstanden. Fast meine komplette Freundesliste erkundet seit Verkaufsbeginn das virtuelle New York.

Einsam zwischen Häuserschluchten

New York, das atemberaubend hübsch und nah an der Stadtvorlage nachgebaut wurde, hat viel und gleichzeitig nichts neues zu bieten: Abseits der Hauptmissionen wollen Vorratslieferungen und Straßenkreuzungen von euch erobert und beschützt werden. Immer und immer wieder. Eine erfreuliche Abwechslung bieten die Echos, die in der Stadt verstreut auf ihre Entdeckung warten und euch mit kleinen Schnitzeljagden locken: Am Ende der kurzen Spurensuche stolpern wir dann meist über die Gebeine eines Agenten-Kollegen, einen Abriss seines Lebenslaufes und Details zu seinem letzten Einsatz. Es sind diese kleinen Geschichten inmitten der gigantischen Metropole, die dem Spiel in all seiner technischen Perfektion etwas Charakter und Charme verleihen. Doch schnell wird die Suche nach den über 200 Überresten der Agenten zu einer quälenden Heuhaufen-Wühlerei. Kriminelle abzuschießen und den Levelfortschritt mit Kopfschüssen voranzutreiben, ist deutlich einfacher und verlockender. Also gebt ihr eure Suche auf, früher oder später.

Die Dark Zone entledigt sich schließlich all dieser Versuche, einen erzählerischen Unterbau zu entwickeln, und hetzt euch gegen andere Spieler und KI-Soldaten in den Kampf — und diese Momente gehören zu den Höhepunkten des Spiels. Von all den unbefriedigten Versuchen befreit, eine Geschichte zu erzählen, kann sich The Division in seinem PvP-Gebiet auf seine größte Stärke konzentrieren: Deckung aufsuchen, Magazine entladen, Gegenstände bergen und sichern, Gegenspieler einschätzen — und all das wieder und wieder und wieder. So beschränkt diese Spielerfahrung auch klingen mag, die Dark Zone entblößt The Division und die eigentliche Stoßrichtung, die Ubisoft mit ihrem Spiel unternehmen wollte: Einen spielmechanisch hochgradig polierten und dadurch enorm unterhaltsamen, kurzweiligen MMO-Shooter zu entwerfen. Nicht mehr, nicht weniger.

Dieses Zusammenspiel macht gemeinsam mit Freunden noch deutlich mehr Spaß, als alleine: Sobald ihr die Dark Zone betreten habt und die ersten Gefechte entbrennen, dauert es meist nicht lange, bis schallendes Gelächter und angespanntes Schnaufen in euren Ohren brennt. Wenn ihr euch aber letztlich wieder voneinander verabschiedet und jeder für sich in die eigentliche Spielwelt zurückkehrt, so werdet ihr wieder mit den vielen Problemen von The Division konfrontiert: Allem voran das Unvermögen, seine eigene Geschichte zu erzählen. Überall laufen NPCs herum, betteln um Nahrung, suchen nach einem Unterschlupf — und dennoch fühlen wir uns einsam zwischen Häuserschluchten, die keinen Platz für Menschlichkeit haben.

Fazit

Ihr sucht einen neuen Freizeit-Killer, der euch in spannende und taktisch fordernde Kämpfe gegen KI-Soldaten und menschliche Spieler gleichermaßen schickt? Zögert nicht länger und schleudert euch The Division auf die Festplatte. Rein spielmechanisch hat sich die Kombination aus Rollenspiel und Taktik-Shooter als unterhaltsamer Erfolg herausgestellt, der auch mich noch viele Stunden in seine Dark Zone-Arena treiben wird.

Doch zwischen den Gefechten ist The Division leer, leblos, leidenschaftlos, mechanisch. Jegliche Interaktion mit den Opfern der Katastrophe beschränkt sich entweder auf Gewalt oder Tauschhandel zu unseren Gunsten. Wir helfen weder den Menschen, noch errichten wir eine Zukunft in den Ruinen New Yorks: Stattdessen schießen wir mehr und mehr Löcher in die Außenwände einer gewalttätigen Gesellschaft, die ganz dem Zeitgeist der großen Open World-Blockbuster unserer Zeit entspricht. Das menschliche Leid als zerbrechlicher Schaukasten und kaum mehr als nur ein atmosphärisches Feature — bis hierher und keinen Schritt weiter.

Unglaublich unterhaltsame Spielmechaniken, die keinen Platz für eine echte Geschichte lassen.
  • Unterhaltsame Kombination aus Rollenspiel und MMO-Shooter
  • Visuell sehr eindrucksvoll
  • Unbefriedigende deutsche Spielfassung
  • Story tritt unangenehm in den Hintergrund

Dieses Review wurde mit Hilfe einer PS4-Version erstellt, die uns vom Publisher zur Verfügung gestellt wurde.

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