Eine Frage des Geschlechts

Warum ich Fallout 4 als Frau spiele

Der Charakter-Editor von Fallout 4
© Bethesda
Der Charakter-Editor von Fallout 4
moviepilot Team
R3nDom Dom Schott
du folgst
entfolgen
Ich weiß doch auch nicht.

Hi, ich bin Dom, männlich, 26 Jahre alt, schreibe über Videospiele und liebe Rollenspiele: In The Elder Scrolls V: Skyrim habe ich den rotbärtigen Nord Thorald unzählige Stunden durch den Wald gejagt und mit dem ebenfalls rotbehaarten und stiernackigen Zwerg Borendil zahllose Kämpfe in der Welt von Dragon Age bestanden. Damit gehöre ich wohl zu den Spielern, die einen kleinen Ausschnitt ihres Wesens in eine Spielwelt verpflanzen und so handeln, als würden sie persönlich in den Stiefeln ihres Avatars stecken.

Erkenntnis im Wohnzimmer

Auch Fallout 4 fiel in meine gierigen Rollenspielhände: Fast eine Stunde verbrachte ich mit dem umfangreichen Charakter-Editor und bastelte mir schließlich eine Mischung aus Chuck Norris und Shamish aus Braveheart. Hochzufrieden segnete ich meine Schöpfung ab und stürzte mich in die erste Spielstunde.

Wobei "stürzen" nicht wirklich das richtige Wort dafür ist, was Bethesda für Neuankömmlinge in der Ödnis vorbereitet hat: Statt mehr oder weniger sofort den Kampf gegen RAD-Skorpione und Banditen aufzunehmen, machte ich meine ersten Schritte im heimischen Wohnzimmer. Noch sind keine Bomben gefallen und ich plauderte ein wenig mit meiner Frau und dem Hausroboter über Alltäglichkeiten.

Fallout 4 lässt sich Zeit und beginnt seine Geschichte in einer Welt, die noch nichts von dem postapokalyptischen Grauen gesehen hat, das ich in den beiden Vorgängerspielen hunderte Stunden durchleben musste. Und während ich über das Kinderbettchen gebeugt, liebevoll und ein wenig irritiert die etwas verschobenen Gesichtszüge meines Sohnes betrachtete, wurde ich Minute zu Minute unzufriedener mit der Wahl meines Charakters. Das ist kein Spieleinstieg, in den mein eindimensionaler Held passte. Es ist das Abenteuer eines Familienmitglieds, nicht eines grobschlächtigen Baumfällers.

Eine hypermaskuline Vergangenheit

Ganz offensichtlich passte also meine Spielweise, die ich über Jahre hinweg immer wieder in verschiedenen Universen wiederholt hatte, nun nicht mehr zu Fallout 4. Mein Blick zurück auf Skyrim und Ferelden offenbarte mir nun plötzlich eine hypermaskuline Vergangenheit: Meine von mir erstellten Charaktere waren immer ein wenig einfältig und tollpatschig, aber muskelbepackt und fest entschlossen, für ihre Prinzipien einzustehen. Retter und Helden in strahlender Lederrüstung.

Würde ich all meine selbsterstellten Helden vergangener Rollenspiele auf einem Charakterbogen ausdrucken und euch in die Hände drücken, so könntet ihr leicht glauben, dass der Spieler hinter diesen Figuren ein chauvinistischer Hardcore-Gamer ist, der immer die aktuellsten Nude-Patches installiert hat und seine Wut über bekleidete Videospielfrauen in Kommentarbereiche hämmert.

Diese psychologische Deutung könnte falscher nicht sein — trotzdem kam ich nie auf die Idee, als Frau durch die unendlichen Rollenspielweiten zu wandern. Der Gedanke, einen kleinen Ausschnitt meiner Persönlichkeit und meines Aussehens in die virtuellen Welten zu übertragen, war für mich eine Selbstverständlichkeit — das ultimative Feature eines jeden Rollenspiels. So sehr ich mich auch über die wachsende Anerkennung und Unterstützung der weiblichen Zielgruppe in der Vergangenheit freute, mein Spielverhalten selbst blieb daher lange Zeit davon völlig unberührt.

Nun wurde es Zeit, das endlich zu ändern — und Fallout 4 bot mir dazu die perfekte Gelegenheit.

Rollentausch

Also kehrte ich nach Boston zurück und erstellte mir einen weiblichen Helden, der mich schließlich sehr an die kernige Soldatin Cassandra aus Dragon Age: Inquisition erinnerte. Sicherlich keine klassische Lady, aber es muss ja auch nicht immer Prinzessin Peach werden. Zufrieden bestätigte ich meine Auswahl und begann zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit ein Abenteuer in Fallout 4.

Spielstunde um Spielstunde verging und die außergewöhnliche gute (englische) Synchronisation des Spiels erleichterte mir, mich in meinem neuen Körper schnell wohl zu fühlen. Und tatsächlich spürte ich überraschenderweise, wie eine große Last gleich einem schweren Lederwams von meinen Schultern gerutscht war: Als Frau ein Rollenspiel zu erleben, erwies sich als viel befreiender und unterhaltsamer, als ich zunächst angesichts des Verlusts der Identifikationsmöglichkeit befürchtet hatte.

Die Wahl meines Geschlechts diktierte mir plötzlich nicht mehr zielgenau, wohin sich mein Charakter entwickeln sollte: Zu meiner Überraschung hatte das Bild des klassischen männlichen Heldens, der seit Jahrzehnten die Videospiellandschaft dominiert, meinen Spielstil beeinflusst. Der extrem maskuline Protagonist, der hin und wieder sympathisch trottelig durch das Geäst stolpert, hatte sich als Kanon in meinem Unterbewusstsein eingenistet — obwohl ich selbst eigentlich völlig übersättigt und genervt von diesem Stereotyp bin. Dennoch fiel mir all die Jahre nichts besseres ein, dieses Klischee im Charakter-Editor ständig zu reproduzieren, obwohl ich unzählige andere Möglichkeiten zur Auswahl hatte.

Das einseitig dominierte Bild des Manns als Alpha-Held hat sich in mein Spielverhalten gefräst, wie ein Flammenschwert in die lauwarme Butter und ich war wirklich überrascht davon, wie einfallslos gleichförmig meine Werdegänge waren, sobald ich in die Haut des rothaarigen Haudraufs meiner Wahl schlüpfte. Der Geschlechterwechsel in Fallout 4 öffnete mir hierfür die Augen und gleichzeitig ein Meer an neuen Möglichkeiten.

Die (verdammt vielen) Waffen einer Frau

Das Bild der Frau in Videospielen ist unglaublich vielschichtig: Sie sind Heilerinnen, Assassinen, Magierinnen, Kampfbestien in Stahlrüstungen, weise Seherinnen und vieles mehr. Im starken Kontrast dazu steht zwar die oft einseitige optische Präsentation, die sich leider traditionell vor allem durch Übersexualisierung und Unterordnung einer männlichen Hauptfigur auszeichnet.

Auf der anderen Seite steht das Bild des Mannes, der in der Vergangenheit auf die maskuline Heldenrolle festgenagelt wurde: Aufgaben wie die eines Heilers oder vermeintlich weniger männliche Attitüden werden gerne immer wieder auf nicht-menschliche Völker ausgelagert. Dem männlichen, menschlichen Protagonisten nach Bauart eines Kratos oder Dante gehört innerhalb der Videospielkultur traditionell die Hauptrolle, der Platz im Rampenlicht — dafür darf er allerdings nur selten von der maskulinen Präsentation abweichen.

Wie ich nun bemerkte, schränkte das irrsinnigerweise auch meinen eigenen Spielstil ein und ließ mich als Konsequenz darüber nachdenken, wie weit das Rollenbild tatsächlich reicht, das uns die AAA-Industrie vorgibt.

Auf Twitter fragte ich während der Recherche zu diesem Artikel, welches Geschlecht Männer in meinem Umfeld für ihre Rollenspiel-Charaktere bevorzugen. Hier das Ergebnis nach 24 Stunden:

Es ist bei weitem keine repräsentative Umfrage und nur ein minimaler Ausschnitt aus der modernen Spielkultur: Doch wenn auch ihr zu den 64% der Männer gehört, die ihr eigenes Geschlecht in die virtuelle Welt übertragen, so solltet ihr euch fragen, wie selbstbestimmt eure Abenteuer eigentlich wirklich sind — oder ob ihr lediglich die gleichen Schubladen befüllt, die die AAA-Spielebranche schon vor Jahrzehnten zusammengebaut hat und die mittlerweile ihr Haltbarkeitsdatum eindeutig überschritten haben.

moviepilot Team
R3nDom Dom Schott
du folgst
entfolgen
Ich weiß doch auch nicht.
Das könnte Dich interessieren

Deine Meinung zum Artikel Warum ich Fallout 4 als Frau spiele

3f0f5dd3ae8543238964a2418d8d2f39