Wie das Nervigste an Free to Play-Spielen meine Bachelorarbeit rettete

Goodgame Empire
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Die Welt ist in Dunkelgrau getaucht und in der Innenstadt stauen sich die Regenschirme. Anstatt in eine warme Decke gewickelt zu Hause zu sitzen, renne ich keuchend über den spiegelnden Asphalt. Meine Kondition geht gen Null und dementsprechend kurz fällt mein Sprint aus. Die Türen der U-Bahn schließen sich genau vor meiner Nase, ich werfe atemlos mit Flüchen um mich und weiß, dass ich nicht nur zu spät komme, sondern zu allem Überfluss mit durchgeweichten Füßen die Wartezeit auf die nächste Bahn überbrücken muss.

Warten. Das macht niemand wirklich gern. Da ist immer das Gefühl von Zeitverschwendung. Und wenn ich zum x-ten Mal versetzt werde oder die öffentlichen Verkehrsmittel sich am dritten Tag in Folge erheblich verspäten, ist auch meine Geduld am Ende. Lange war ich der Überzeugung, dass Warten nie etwas Gutes an sich haben könnte — bis ich während der Arbeit an meiner Bachelorarbeit auf Goodgame Empire stieß.

Weil ich mein Studium nicht mit einer Abschlussarbeit über ein 08/15-Thema beenden wollte, fiel meine Wahl mit Let's Plays auf ein Phänomen der Videospielkultur, mit dem ich mich zum damaligen Zeitpunkt ohnehin viel beschäftigte. Ich wollte ein Thema, das noch nicht bis zum Gehtnichtmehr durchexerziert wurde, aber gleichzeitig nah genug an meinem Alltag lag, damit ich mich nicht zu jeder Minute Arbeit zwingen musste. Gleichzeitig ging damit ein hohes Risiko einher, weil sich eben noch keine großen Namen mit der Materie auseinandergesetzt hatten.

Trotzdem hielten mich die Schwierigkeiten nicht von der Wahl dieses Themas ab. Und obwohl ich wusste, dass ich damit für mich eine gute Entscheidung getroffen hatte, sollte ich dafür in den kommenden Monaten einen hohen Preis zahlen.

Ihr kennt das ungute Gefühl, wenn sich die Unsicherheit beinahe unbemerkt an euch heranschleicht, an euren Fersen kleben bleibt, sich eines Tages in eurem Kopf breitmacht und dann kaum noch verdrängt werden kann. Nachdem ich mich durch eine ganze Reihe von Büchern gelesen und mir gefühlt fünf Stunden beim Kopieren von Literatur die Beine in den Bauch gestanden hatte, saß ich vor einem regelrechten Papiergebirge. Dieser Anblick und der Gedanke an all die Ungewissheit und Stunden voller Arbeit raubten mir den Atem und ließen mich kurz alle Hoffnung verlieren.

Zuvor hätte ich in so einem Moment Let's Plays geschaut, um meine schlechten Gedanken zu zerstreuen, aber dieses sonst so zuverlässige Beruhigungsmittel trug zu dem Zeitpunkt das Stigma der Bachelorarbeit.

Mein Laptop war in dieser Phase meines Lebens mein ständiger Begleiter und verbrachte mit mir lange Tage in der erdrückenden Stille der Uni-Bibliothek, während sich der gleißende Sonnenschein vor den Fenstern langsam in das goldene Licht des Frühherbsts verwandelte. Weil mich Fernsehwerbung schon unzählige Male mit der Nase darauf gestoßen hatte, spülte mich irgendeine neuen Welle der Unsicherheit auf einmal zum Free to Play-Strategiespiel Goodgame Empire.

Dieser Titel macht euch zum Machthaber über eure eigene Burg und konfrontiert euch mit anderen Mitspielern und KI-Figuren. Das Ziel ist simpel: Ihr nehmt Quests an, verbessert eure Burg, häuft Ressourcen an, rekrutiert Soldaten, baut eure Macht aus und zeigt somit euren Nachbarn, wer der bessere Burgherr ist.

Da ich damals nicht bereit war, Goodgame Empire Geld in den Rachen zu werfen, fand ich auf einmal heraus, dass Warten nicht immer etwas Schlechtes bedeutet. Denn ganz egal, ob sich meine Truppen auf dem Weg zur nächsten feindlichen Burg befanden oder ich neue Gebäude errichten ließ – zum Free to Play-Prinzip gehörte dabei ein Timer wie die Zugbrücke an eine Burg. In dieser Phase störte mich das aber kein bisschen, im Gegenteil: Es sorgte dafür, dass ich viel entspannter an meiner Bachelorarbeit arbeiten konnte als zuvor.

Wann immer mich Verzweiflung, Unsicherheit und Panik überwältigten, kehrte ich zurück zu meiner Burg und kümmerte mich um neue Aufgaben. Wegen der abzustotternden Wartezeit nahm mich Goodgame Empire dabei nicht vollständig in Anspruch und hinderte mich nicht bei meiner Arbeit. Somit hielt das Strategiespiel genau die richtige Balance zwischen ablenkender Beschäftigung und Intervallen, die mich zum Schreiben zwangen, weil es in der Ingame-Welt nichts mehr zu tun gab.

Obwohl ich ziemlich viel Zeit in dieser Welt voller Burgen, Raubritter und Schätze verbrachte, fesselte mich Goodgame Empire nie, es war für mich lediglich ein Mittel zum Zweck. Deshalb kehrte ich nach dem Abgabetermin auch nie wieder zu meiner Burg zurück, an deren Standort in der Zwischenzeit mit Sicherheit schon mehrere Herrscher aufstiegen und wieder dem Erdboden gleich gemacht wurden.

Trotzdem: Wenn ich meine Abschlussarbeit mit einer Widmung versehen hätte, wäre mein Dank darin unter anderem an die Macher bei Goodgame Studios gegangen.

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