Borderlands 3 muss wie Diablo 3 werden oder es hat keine Chance

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Ich bin ein professioneller Motocross-Champion mit Abschlüssen in Kunstgeschichte und Paläontologie, der Picasso/Dinosaurier-relevante Kriminalfälle in seiner Freizeit aufklärt.

Wer hin und wieder bei uns vorbeischaut, dürfte mittlerweile bemerkt haben, dass ich eine leidenschaftliche Liebe zum Borderlands-Franchise entwickelt habe, die sich des Öfteren in abgetippten Knutschereien äußert. Doch nach dem Tales from the Borderlands-Finale im Oktober des letzten Jahres gab es plötzlich Ärger im Paradies. Ich war zwar begeistert von Telltales Borderlands-Version, machte mir aber auch große Sorgen: Kann Borderlands 3 da überhaupt noch mithalten?

Blizzard weist den Weg

Dieser Vergleich muss natürlich schon scheitern, wenn wir uns nur daran erinnern, wie groß die spielmechanischen Unterschiede zwischen den beiden Borderlands-Ansätzen sind. Aber damals wünschte ich mir eine detailreichere Präsentation des Borderlands-Universums und vor allem eine erzählerische Breite, die mit den Dialogen und der Charakterzeichnung von Tales from the Borderlands konkurrieren kann. Mittlerweile weiß ich aber, dass ich hier etwas voreilig war.

Das bedeutet keinesfalls, dass ich inzwischen wieder mit wehenden Fahnen der Vorfreude an der Einfahrt stehe und vorbeifahrende Gearbox-Entwickler auf mein Grundstück lotse, um sie zum Familienfest einzuladen. Ich glaube noch immer, dass es nicht gut um Borderlands 3 steht, wenn sich nicht wirklich viel im Vergleich zum Vorgänger ändert. Nur sollte nicht Tales from the Borderlands das große Ziel sein, sondern Diablo 3. Für mich steht das Franchise weiterhin zwischen den Stühlen, doch statt verstärkt auf erzählerische Aspekte zu setzen, liegt das Heil von Borderlands 3 vielleicht doch eher im Gameplay.

Zuallererst muss ich natürlich sagen, dass Borderlands 3 vor allem wie Borderlands sein sollte, um nicht auf verlorenem Posten stehen zu müssen. Doch abseits von der Markentreue hat Blizzard gezeigt, welches Langzeitpotenzial erreicht werden kann, wenn das eigentliche simple Prinzip nur motivierend genug aufbereitet wird. Dabei war ich zunächst eigentlich gar kein großer Freund vom Diablo 2-Nachfolger und verfluchte das verkorkste Loot-System und das Auktionshaus. Doch mit Reaper of Souls und dem Abenteuer-Modus hat Blizzard das Diablo-Gefühl auf das Nötigste heruntergekocht und dabei letztlich deutlich mehr Spieltiefe geschaffen.

Die Zeiten haben sich geändert

Als Borderlands im Jahr 2009 auf den Mark kam, war es noch ungewöhnlich, einen Ego-Shooter mit RPG-Elementen aufzurüsten und den Spieler die Möglichkeit zu geben, ständig nach besserer Ausrüstung zu suchen. Der First Person-Looter war geboren und Borderlands 2 verfeinerte diese Formel letztlich durch mehr Bombast und Umfang. Doch heutzutage ist dieses Feature kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Destiny kauert mit perfektioniertem Gunplay auf dem Shooter-RPG-Thron und auch Tom Clancy's The Division stürzt sich viel tiefer in die RPG-Soße, als es Borderlands 2 je getan hat.

Schon Borderlands: The Pre-Sequel hat gezeigt, dass spielerisch nicht mehr viel aus der alten Formel herauszuholen ist. Die geringe Schwerkraft auf dem Pandora-Mond Elpis hat den Gefechten zwar etwas mehr Dynamik verliehen, doch wenn der bekloppte Charakter Claptrap nicht gewesen wäre, hätte ich das unrühmliche Zwischenstück schon viel früher wieder aus der Hand gegeben. Wenn Borderlands 3 einfach so weitermacht wie bisher, dann bleibt uns wohl nur ein dünne Präsentation einer eigentlich spannenden Welt, altbackene Erzählweisen und Gameplay, dass längst nicht mehr so originell ist, wie wir alle einmal dachten.

Daher mein bescheidener Aufruf an die Gearbox-Entwickler: Bitte lasst eure Wurzeln hinter euch. Quest-Hubs wie Sanctuary sind ebenso überholt wie dröge Questfenster, die den wunderbaren Humor der Reihe im unhandlichen Interface ersticken. Der Abenteuermodus von Diablo 3 pfeift auf die Story und reduziert das ganze Geschehen auf einen effektiven Gameplay-Loop. Einfach rein in den zufallsgenerierten Dungeon und mit dem gewissenhaft geformten Charakter durch die Gegnerhorden stürmen, um dann fette Beute zu machen. Das war im Endeffekt schon immer der Reiz an der Diablo-Reihe, wozu also noch konservative Rahmen-Inhalte schaffen, die den Loop nur unnötig entschleunigen?

Borderlands 3 könnte nämlich in diese Falle laufen und uns wieder eine große Kampagne vor die Füße werfen, die uns vom eigentlichen Gameplay ablenkt und es dadurch zu simpel hält. Ich bin mir sicher, dass uns wieder eine schamlose Unzahl an zufälligen Waffen erwarten wird, aber reicht das denn noch? Mit vier möglichen Waffen-Slots (die eher langweiligen Granaten, Schilde und Klassen-Mods mal ausgenommen) gibt es wenige Notwendigkeiten für neue Ausrüstung und das Grinden verläuft in der Regel unspektakulär. Warum sollte es denn nicht möglich sein, legendäre Visiere, epische Magazine und einzigartige Waffenläufe zu finden, die wir dann frei zu unseren persönlichen Superwummen kombinieren? Auch die Charaktere selbst könnten etwas Schutz gebrauchen und sich auf die Suche nach Helmen und Brustpanzern machen.

Auch die Skill Trees der Charaktere, die wir uns im besten Fall selbst erstellen können, könnten etwas mehr Freiheiten vertragen. Anstatt einen Wust aus passiven Fertigkeiten anzubieten, sollte es möglich sein, auch aktiv den Kampfverlauf zu beeinflussen. Es mag sein, dass die Shooter-Mechaniken allein schon ausreichend Können vom Spieler erfordern, doch strategische Tiefe gibt es letztlich nur, wenn wir mit eigenen Character Builds auflaufen können. Nur mit spielmechanischer Komplexität kann sich Borderlands 3 noch gegen die Konkurrenz von Ubisoft und Activision behaupten und Spieler auch dann noch halten, wenn die Vault wieder einmal gefunden wurde.

Weniger ist mehr

Natürlich verstehe ich die Sorge, dass prozedural erstellte Inhalte dafür sorgen könnten, dass der Lebensgeist aus Borderlands 3 gesaugt wird. Doch würde wirklich die Persönlichkeit der Reihe unter einem Ansatz leiden, der weniger Fokus auf die Geschichte legt? Was war denn wirklich so interessant an den Kampagnen von Borderlands und Borderlands 2? In Sachen Spannungsaufbau können beide Titel nicht wirklich überzeugen. Der eigentliche Charme nährt sich von den Figuren, dem Sprachwitz und den endlosen Anspielungen. Die kann es so auch in einem Borderlands 3 geben, das den Fokus verstärkt auf die Spielmechanik legt.

Vergesst also alles, was ich früher so lamentiert habe. Borderlands 3 braucht einen Fokus und der sollte auf dem Wesentlichen liegen. Doch das Wesentliche der Reihe finden wir nicht in Questsystemen, die wirken, als wären sie schon 2004 etabliert gewesen. Der Kern der Borderlands-Reihe ist die Anlehnung an Diablo und die Verfrachtung des Loot-Prinzips ins Shooter-Genre. Und wenn das eigene Vorbild schon erfolgreich den nächsten Schritt aufgezeigt hat, dann sollte Borderlands 3 schauen, ob sich der neue Ansatz denn nicht eigentlich viel besser eignet. Ansonsten hält der Spielspaß nur bis zur letzten Allerwelts-Quest, die Gearbox dann abermals mit einem halben Dutzend DLCs immer wieder nachliefern muss.

Na, wär das was?

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Ich bin ein professioneller Motocross-Champion mit Abschlüssen in Kunstgeschichte und Paläontologie, der Picasso/Dinosaurier-relevante Kriminalfälle in seiner Freizeit aufklärt.

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